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I. Bonns seltsamer Aufstieg zur Hauptstadt


Konrad Adenauer HausBonn ist eine eigenartige Stadt. Nicht groß, nicht klein. Das genaue Gegenteil von Berlin, aber dabei mit Berlin doch insoweit vergleichbar, als Bonn wie Berlin mit keiner anderen Stadt vergleichbar ist. Und das deshalb, weil Bonn für vier Jahrzehnte von Berlin die Funktion einer Hauptstadt übernommen hatte. WarMuseumum eigentlich? Zunächst einmal, weil Berlin nach dem Krieg zur Hauptstadt nicht mehr in der Lage war. Aber warum gerade Bonn? Darüber gibt es viele kluge Abhandlungen. Aber der eigentliche Grund ist recht simpel:

Weil der Vorsitzende des Parlamentarischen Rates und erste Bundeskanzler Konrad Adenauer in einem schönen Haus in Rhöndorf wohnte, das naturgemäß als Hauptstadt nicht in Frage kam, und Bonn die nächst gelegene Stadt war. Hätte Rhöndorf näher bei Koblenz gelegen, wäre Koblenz Bundeshauptstadt geworden. Wäre Rhöndorf ein Trabantendorf von Trier gewesen, wäre die Wahl auf Trier gefallen. Und so weiter von Flensburg bis Traunstein. Konrad Adenauer war damals 73 und liebte kurze Wege. So einfach sind rheinische Lösungen.

Dabei war es für Bonn in jener Nachkriegszeit zuerst gar nicht so leicht, die Hauptstadtrolle auszufüllen. Für Konrad Adenauer und seinen Parlamentarischen Rat gab es in der zerbombten Stadt nur ein einziges repräsentatives Gebäude, in dem sie sich versammeln und das Grundgesetz beraten konnten. Das Museum Koenig. Es verdankt seinen Namen einem Herrn Alexander Koenig, dessen Großvater Mitte des 19. Jahrhunderts als Bäcker aus Deutschland nach Sankt Petersburg ausgewandert war und dessen Vater es in Russland zum Zuckerfabrikanten und Multimillionär gebracht hatte. Diesen väterlichen Millionen hatte es Alexander Koenig zu verdanken, nur seinen Neigungen leben zu können: Der Jagd und dem Ausstopfen der gejagten wilden Tiere. So reich war er, dass er sich als Ferienhaus in Bonn die Villa Hammerschmidt kaufen konnte, in der später bis zum Umzug ins Berliner Schloss Bellevue alle unsere Bundespräsidenten residiert haben. Für die Ausstellung seiner vielen toten Tiere baute er auf der anderen Straßenseite das Museum Koenig.

In dessen Eingangshalle also, in der die Giraffen standen, tagte 1948 und 1949 der Parlamentarische Rat und gab unserem Staat sein Grundgesetz. So wurde das Museum Koenig das, was 100 Jahre davor die Frankfurter Paulskirche gewesen war und 30 Jahre früher das Weimarer Nationaltheater: Kreißsaal für eine deutsche Verfassung, die beste, die wir je hatten, und mit Sicherheit die einzige auf der ganzen Welt, die in einem Zoo voll ausgestopfter Tiere zur Welt gekommen ist (vgl. Elmar Hucko, Von der Liebe zu den Apfelbäumen, Roman, S. 118).

 

II. Das schönste an Bonn ist die Autobahn nach Köln


WDom am Abendenn man nicht dort geboren ist, findet man Bonn auf Anhieb nicht sympathisch. Den Münchnern, Hamburgern und Berlinern ist Bonn zu klein und zu provinziell. Von diesen Zugezogenen stammt der Spruch: Das schönste an Bonn ist die Autobahn nach Köln. Oder: Bonn ist halb so groß und doppelt so tot wie der Zentralfriedhof von Chicago. Wer aus Schleswig-Holstein oder Braunschweig kommt, findet Bonn noch immer zu katholisch. Den Menschen aus dem Ruhrgebiet fehlen hier die Arbeiter und ganz normalen Menschen. Und wer daheim ein angenehmes Klima hat, leidet in Bonn nicht selten unter schwüler Luft und Müdigkeit.

Und dennoch: Nach einer Eingewöhnungszeit von bis zu drei Jahren kommt man sich näher. Die Großstädter lernen es zu schätzen, dass man von jedem Punkt der Stadt in höchstens einer viertel Stunde an der Oper, aber auch im Grünen ist. Die Evangelischen kommen den Katholischen und damit der eigenen Fähigkeit zur Lebensfreude näher. Und wer sich nach richtigen Arbeitervierteln sehnt, kann diese Sehnsucht auch bei gelegentlichen Besuchen in der alten Heimat stillen. So kam es, dass viele Tausend Zugezogene bereitwillig Bonner wurden. Keine deutsche Stadt - Berlin wieder ausgenommen – hat so viele Zugezogene integriert und so wenige Ureinwohner prozentual.

Aufmischung tut immer gut, man kann es bei den Hundemischlingen gut beobachten, deren Intelligenz gerühmt wird, und man sieht es auch in Bonn. Der närrischste Karnevalist, den ich je gekannt habe, kam aus Hamburg. Der urigste Bayer, ein Berufskollege, stammte aus Passau, blieb aber nach seiner Pensionierung natürlich in Bonn und leitete dort mehrere Stammtische von Pensionären, die in den Gründerjahren aus Schleswig-Holstein, Schwaben und dem Ruhrgebiet gekommen waren.

 

III. Eine Hauptstadt ohne Haupt


Konrad AdenauerSeit 1999 ist Bonn nun nicht mehr Hauptstadt. Das heißt: Zwar ist die Hälfte der Beamten in Bonn geblieben, aber der Bundestag, der Bundesrat und der Bundeskanzler mit seinen Ministern betreiben ihre Geschäfte jetzt in Berlin. Ob besser als in Bonn, darf man mit Fug und Recht bezweifeln.

Jedenfalls haben sie die andere Hälfte der Beamten mit nach Berlin genommen, und Bonn ist nur noch Bundesstadt (ohne Haupt).

Manch einer, der 1999 mit nach Berlin gezogen ist, hat jetzt ein ganz neues Bonn-Gefühl. In den ersten Jahren war es wie bei einer Klassenfahrt. Endlich einmal etwas Neues, das Abenteuer des Provinzlers in der großen Stadt. Doch mit den Jahren denkt der Neuberliner auch zuweilen nostalgisch zurück an die gute alte Bonner Zeit.

Hatte es nicht auch etwas für sich, nicht täglich mehr als 1,5 Stunden Fahrzeit zum Büro und zurück absolvieren zu müssen, was einen Arbeitstag pro Woche und 1,5 Monate im Jahr ausmacht? War es nicht schön, in einer Stadt zu wohnen, die eine geordnete Verwaltung hat statt administrativer Zustände auf dem Niveau eines Entwicklungslandes. Und von der PDS regiert zu werden, ist auch nicht jedermanns Geschmack.

Ist es nicht traurig, dass Ost und West noch nicht zusammengewachsen sind und dass man mit einem Auto-Kennzeichen BN im Umland von Berlin nicht überall willkommen ist?

Und als Provinzler muss man bei so mancher Eskapade des Regietheaters in Berlin sehr tapfer sein, wenn zum Beispiel Don Giovanni in Peter Konwitschnys Inszenierung an der Komischen Oper alle Arien in der Unterhose singt.

Ganz zu schweigen vom Schmuddel- und Schreitheater der Berliner Volksbühne!

 

IV. Die Bonner Türme und die neuen Rheinländer

Kommt der jetzt in Berlin regierende Bonner in seine Heimatstadt zurück, fremdelt er zunächst ein wenig, weil ihm ein riesiger neuer Turm entgegenragt. Das hat
Post Towerdie Post getan. Die Postler sind solide Leute, brauchten aber in der neuen, privatisierten Zeit offenbar etwas zur Steigerung ihres Selbstbewusstseins. Wo sie schon nicht nach Berlin oder Frankfurt ziehen durften, ließen sie sich wenigstens vom Star-Architekten Helmut Jahn ein Hochhaus  wie in Frankfurt bauen und schlossen damit auf zur Deutschen Bank.

Finanziert haben sie den Turmbau offenbar mit der Einsparung zahlreicher vertrauter Briefkästen in der Nachbarschaft so vieler Bonner.

Nicht, dass der Post Tower hässlich wäre, aber der Rheinländer liebt eigentlich keine Türme. Das war schon so beim Dom, den die Kölner über Jahrhunderte ohne Türme stehen ließen und nie unvollkommen fanden. Erst die Preußen, denen das Rheinland beim Wiener Kongress 1815 zugefallen war, vermissten, ordnungsliebend wie sie waren, die Türme und setzten sich in den Kopf, sie endlich draufzubauen.

Aber noch Heinrich Böll, der das mittelalterliche Provisorium mit Kran drauf „viel schöner“ fand, nannte die beiden Türme „überflüssig“ und schmähte sie 1979 als Hohenzollerngebilde, um das die Preußen diesen ganzen „vaterländischen Scheiß“ gemacht hätten.

Auch den Bonnern wurde ihr erster Turm von einem Zugereisten aufgedrängt, vom Schwaben und Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier. Und jetzt, wo der „Lange Eugen“ neben dem Post Tower stehen muss, wird uns erst so recht bewusst, wie hausbacken er eigentlich ist.

Aber das ist jetzt alles Vergangenheit. Wenn der Berlin-Heimkehrer vom Post Tower nach Bad Godesberg kommt, fremdelt er noch mehr. Hier in der Innenstadt verspürt er unter immer mehr schwarz verschleierten Damen einen Hauch von 1001 Nacht.

In Berlin-Kreuzberg war er sich ja zuweilen schon wie in Ankara vorgekommen, aber das Kopftuch erscheint ihm jetzt gegen das totale Schwarz Arabiens schon fast wie Pariser Mode.

Nun gut, denkt der Rheinländer, wir haben im 19. Jahrhundert unter den Preußen zu leben gelernt, wir werden auch in einem islamischen Umfeld unseren Stil bewahren. Und vielleicht werden die Kinder dieser schwarzen Gestalten schon bald Rheinländer werden. Denn verwöhnt und kaum erzogen wie fast alle Kinder hier werden sie sich nicht lange Vorschriften machen lassen und sich zu freiheitlichen Lebensformen emanzipieren. Und ist nicht der Bonner Karnevalsprinz von 2010 Amir I. Shafaghi in Teheran geboren und Muslim?

Er hat kein Problem, das Iranische Neujahrsfest Norooz mit seinen Verkleidungen, Tänzen und Trommeleien direkt in den Rheinischen Fastelovend übergehen zu lassen, weil beide Feste eigentlich dasselbe wollten, Ängste, Nöte und Sorgen über Bord werfen und mit Optimismus in die Zukunft schauen.

 

V. Bonns revolutionäre Rentner


HofgartenHat Bonn Zukunft? Ja, jewiss dat! wie seine Ureinwohner sagen würden. Den ersten Aufstieg, noch im Kaiserreich, verdankten Bonn und Bad Godesberg nicht zuletzt dem Zuzug gut betuchter Rentner oder besser gesagt Rentiers und Industrieller, die in der Gründerzeit beachtliche Vermögen erwirtschaftet hatten und die es im Alter aus der Hässlichkeit der Industriestädte in die Rheinidylle zog. Die imposantesten Villen der Stadt stammen aus dieser Zeit, Alterssitze reicher Leute eben.

An diese Tradition knüpft Bonn jetzt an. Wir alle wissen und bekommen es seit der Agenda 2010 endlich nachdrücklich vermittelt, dass Deutschlands Zukunft vor allem vom Reichtum an Rentnern bestimmt sein wird. Das mag man beklagen, aber jedenfalls Bonn wird daraus das Beste machen. Schon jetzt dürfte es in keiner deutschen Stadt mehr Seniorenheime auf den Quadratkilometer gerechnet geben als in der Bundesstadt, die meisten ziemlich neu und luxuriös. Denn die meisten Bonner Rentner sind, wie die Rentiers vor hundert Jahren, keineswegs arm.

Just in diesen Jahren strömen  weit überdurchschnittlich versorgte Beamte, Minister, Abgeordnete, Verbandsmanager, Funktionäre internationaler Organisationen, Journalisten, Botschafter und Lebenskünstler aller Art aus Altersgründen aus Berlin und aller Welt zurück in ihre Bonner Häuser und Luxuswohnungen, aus denen sie einst aufgebrochen waren.  Sie bescheren den Taxis, Restaurants, Biergärten, Fitness-Centern, Ärzten, Apotheken, Fußpflegerinnen und Krankenhäusern eine neue Blütezeit.

Auch Golfplätze, Putzhilfen, Friseure, Personendampfer und der Kaufhof profitieren davon. Ja, allen Bemühungen der Bundesregierung zum Trotz wird selbst die Schwarzarbeit florieren, denn so manches Haus und so manche Eigentumswohnung und so mancher Garten bedarf nach der langen Abwesenheit des Eigentümers gründlicher Erneuerung und Pflege, und da möchte manch einer die Umsatzsteuer sparen. Aber das so verdiente Geld wird schon bald in Gaststätten, bei OBI oder beim Kauf eines neuen Autos wieder sauber werden.

Diese Generation von Rentnern unterscheidet sich von der bisher bekannten grundlegend. Denn es sind nicht unsere von der ärmlichen Nachkriegszeit geprägten Vorfahren, die wir bisher als Rentner kannten, genügsam, ruhig, altruistisch und zum Leiden fähig. Nein, diese neue Rentnergeneration ist ganz anders. Sie ist im Wohlstand aufgewachsen und verwöhnt. Sie hat in Elternhaus und Schule gelernt, dass vor allem der Einzelne wichtig ist und seine Bedürfnisse durchsetzen soll. „Ich will nie mehr zu früh zufrieden sein!“ heißt es in einem ihrer Lieder.

Diese neuen Bonner Rentner werden auch sehr politisch sein. Viele von ihnen haben in ihren besten Jahren gelernt, wie man sich mit seinen Vorstellungen bemerkbar macht, in Aktionen auf dem Universitätsgelände, bei Friedensdemos auf der Bonner Hofgartenwiese und durch Märsche durch die Institutionen. Bei den Demonstrationen dieser in die Jahre gekommenen 68er ist es nicht immer friedlich zugegangen. Gewalt gegen Sachen war damals nötig, und Steine gegen Polizisten, ja, das musste auch gelegentlich sein, wenn die „Bullen“ so provozierend daherkamen. Und wenn die da in Berlin demnächst auf den Gedanken kommen sollten, auch bei den Pensionären das Eine oder Andere zu kürzen, wird es in Bonn unruhig werden. Die neuen Bonner Rentner werden sich das nicht gefallen lassen.

Sie werden sich bewusst sein, dass sie, die über 60jährigen, mehr als 50% der deutschen Wähler stellen und jeder Regierung in Berlin den Garaus machen können. Sie werden sich einen Spaß daraus machen, wieder einmal Massendemonstrationen auf der Bonner Hofgartenwiese zu organisieren wie in jener guten alten Zeit. Und dort wird es ein Wiedersehen geben mit „Weißt Du noch, damals gegen den Vietnam-Krieg, gegen die Nachrüstung, gegen Helmut Schmidt und gegen Helmut Kohl!“ Und sie werden gemeinsam schreien: Macht kaputt, was Euch kaputt macht! Und singen: We shall overcome!

Und die braven, strebsamen Studenten in der Bonner Universität werden sich wundern über die vielen radikalen Alten da draußen auf der Wiese und darüber, dass beim Erscheinen der Polizei plötzlich Steine fliegen, einige davon sogar in die Fenster des Universitätsgebäudes.

Ja, so könnte es kommen. Aber Bonn wird mit der Deutschen Telekom, dem Post Tower und seinen vielen Alten ganz gut überleben!


Der Autor Dr. Elmar M. Hucko ist Kenner des Handels- und Wirtschaftsrechts und veröffentlichte neben Fachbüchern u.a. den kafkaesken Roman "Von der Liebe zu den Apfelbäumen" (Mitteldeutscher Verlag 2001), der sich spielerisch mit den Verhältnissen der Bonner Ministerien auseinandersetzt.

Zudem kann man Gedichte von E. Hucko bei der Schreibwerkstatt des Kunstvereins Bad Godesberg südl. v. Bonn lesen, wo er Vorsitzender ist.

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