mein-berlin.jpg
Reichstag

 

Von 1871 bis 1894 tagte der Reichstag in der Leipziger Straße 4 in Berlin. Dieses 23 Jahre dauernde Provisorium war Schauplatz leidenschaftlicher politischer Debatten, die mit Namen wie August Bebel, Karl Liebknecht und Otto von Bismarck verbunden sind. [Quelle: Wikipedia.de]

Im nachfolgenden Beitrag aus dem Jahre 1871 wird von den Umständen beichtet die die Bausausführung maßgeblich beeinflusst haben.

Verschiedene Umstände haben sich vereinigt, um der Bauausführung, durch welche auf dem Grundstücke der Porzellanmanufaktur zu Berlin eine vorläufige Heimatstätte für die Volks-Vertretung des deutschen Reiches geschaffen wird, ein allgemeineres Interesse zuzuwenden und eine größere Popularität zu sichern, als dies sonst leicht einem architektonischen oder technischen Werke vergönnt zu sein pflegt. Es ist nicht allein die Bestimmung des Gebäudes für einen so hervorragenden nationalen Zweck: es sind wohl eben sosehr die Verhandlungen, welche der Einleitung des Baues vorhergingen — der ungewöhnliche Betrieb desselben und seine Beziehungen zum Maurer-Streik — endlich in letzter Linie sein Einfluss auf einen früheren oder späteren Termin für die Wiedereinberufung des Reichstages — die Veranlassung gewesen, dass sich das Interesse des Publikums in solcher Weise kundgab und nach bekannter Wechselwirkung in einer Unzahl von Reporter-Notizen aussprach, mit welcher die politische Presse die Ausführung von ihrem Beginne an verfolgt hat. — Wenn wir demgegenüber auf fortlaufende Nachrichten ähnlicher Art verzichteten, so ist dies selbstverständlich nicht ohne die Absicht geschehen, unseren Fachgenossen zu geeigneter Zeit eine desto vollständigere und getreuere Mitteilung über den Bau zu liefern, wie wir dieselbe gegenwärtig, unterstützt durch eine Grundriss-Skizze desselben zu geben im Stande sind.

Der Ursprung und der leitende Grundgedanke für den Plan eines provisorischen Parlamentshausbaues an dieser Stelle ist bekanntlich auf keinen Anderen als den Reichskanzler Fürsten Bismarck zurückzuführen, der damit die weiteraussehenden Pläne eines auf längere Dauer und größere Solidität berechneten Neubaues über den Haufen warf und dem Reichstage bereits für den nächsten Winter eine passende Unterkunft sicherte. Es scheint allerdings wahrscheinlich, dass dem berühmten Staatsmann bei seinem Vorschlage, das Sitzungslokal des Reichstages in dem mit Glas zu überdeckenden ersten Hofe der Porzellan-Manufaktur zu etablieren, eine wesentlich einfachere und ziemlich primitive Lösung des architektonischen Problems vorgeschwebt hat und dass er die technischen Schwierigkeiten derselben in vollem Umfange wohl nicht zu übersehen vermochte. Für die Vertreter des Preußischen und speziell des Berliner Bauwesens war es indessen unter den obwaltenden Verhältnissen eine Ehrensache, dass diese Schwierigkeiten trotz alledem über wunden werden mussten, und mit lebhafter Freude und dankender Anerkennung dürfen wir es begrüßen, dass sich unter ihnen die Männer fanden, welche die verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen nicht allein den Mut hatten, sondern dieselbe auch in einer Weise durchgeführt haben, durch welche alle Befürchtungen widerlegt, alle Erwartungen übertroffen worden sind. — Es war der Geh. Regierungs- und Baurat Hitzig, der als Mitglied der für die Reichstagshaus-Angelegenheiten eingesetzten Kommission innerhalb einer Frist von nur 3 Tagen den Entwurf für diesen Bau lieferte und unter dessen obere Leitung und Verantwortung demnächst die Ausführung gestellt wurde, während die spezielle Durcharbeitung des Plans und die Führung des eigentlichen Baubetriebs die von ihm als Mitarbeiter an dem Werke gewonnenen Baumeister Gropius und Schmieden übernommen haben.

Wir beginnen eine Schilderung des Baues mit einer Beschreibung seiner Grundriss-Disposition.*) Wie in jeder anderen Beziehung ist es auch für die allgemeine Gestaltung der Anlage keine Erleichterung, sondern eine sehr bedeutende Erschwerung gewesen, dass die zur Disposition gestellte Baustelle keine freie war, sondern dass es galt, innerhalb einer Anzahl älterer Gebäude und unter möglichster Benutzung derselben zu bauen. Was an dem Entwürfe etwa bemängelt werden kann und als nicht ganz günstig sich erweist, ist einzig und allein auf diesen Zwang zurückzuführen, dessen Nachteile sich nicht ganz bewältigen ließen.

*) Unsere Fachgenossen mögen die mit Rücksicht auf den beigegebenen Grundriss überflüssige Breite der Beschreibung entschuldigen; dieselbe wird jedoch voraussichtlich auch durch andere Blätter gehen und alsdann dem nicht technischen Publikum in dieser Form verständlicher sein.

Das in seiner Straßenfront c. 186' (58,3m) breite Grundstück der Porzellan-Manufaktur, dessen Ausdehnung sich bis zu höchst bedeutender Tiefe erstreckt, ist durch die auf ihm errichteten Baulichkeiten in mehre von einander gesonderte Teile zerlegt und ist es der der Leipziger Straße zunächst belegene Komplex, der für das provisorische Reichstagshaus eingerichtet werden musste. Das durch die ganze Breite des Grundstücks reichende zweistöckige Vorderhaus und ein entsprechendes Hintergebäude von 48 resp. 42' (15 resp. 13m) liefe, zwischen denen zwei schmale Flügelbauten eine seitliche Verbindung gewährten, umschlossen hier einen größeren Hof von p. p. 150' Breite und 100' Tiefe (resp. 47m x 31,3m). Der gegenwärtige Bau hat das Vorder- und Hinterhaus, sowie den linken Seitenflügel — wenn auch nur unter sehr bedeutenden Veränderungen — benutzt; das durch den Abbruch des rechten Seitenflügels noch vergrößerte Terrain des Hofes wird fast vollständig von dem großen Neubau des eigentlichen Sitzungssaales eingenommen, während ein kleinerer Neubau, der sich an das Hintergebäude anschließt, in den zweiten Hof des Grundstückes hineinreicht.

Der Eingang für die Reichstags-Mitglieder erfolgt durch die in der Mitte der Straßenfront liegende frühere Eingangstür. Zur Seite eines ersten Vestibüls befinden sich hier die Portierloge und die zur Benutzung der Abgeordneten gestellten Post- und Telegraphen - Bureau. Neben einem zweiten Vestibül, das durch Glastüren mit dem ersten verbunden ist, öffnen sich die Garderobe-Räume, sowie der Zugang zu einem für den Verkehr der Abgeordneten mit dem Publikum bestimmten Sprechzimmer und einer Treppe nach den Abteilungssälen des oberen Stockwerks, während eine zweite Reihe von Glastüren geradeaus in ein großes Foyer führt. Dieses Foyer, welches eine Länge von 113' (35,47m), eine Breite von 20' (6,28m), eine Höhe von 30' (9,42m) besitzt und durch ein einziges, die Decke bildendes Oberlicht erleuchtet wird, ist bestimmt, die Zentralstelle für den Verkehr der Abgeordneten innerhalb des Hauses zu bilden und wird sich in dieser Beziehung voraussichtlich als so praktisch erweisen, dass seine Anlage als eine der größten Vorzüge des gegenwärtigen Baues vor den früheren Parlaments-Einrichtungen empfunden und bei Aufstellung jedes künftigen Programms als direkt unentbehrlich betrachtet werden dürfte. An der Rückwand desselben liegen neben den Türen des Vestibüls und den zur Erleuchtung der Garderobe dienenden Fenstern auf der einen Seite der Eingang zu einer Retirade, auf der anderen der Eingang zu den Restaurationsräumen, deren Fenster nach der Leipziger-Strasse sehen; mit den im Souterrain befindlichen Wirtschaftsräumen des Restaurateurs sind die letzteren durch eine kleine Treppe in direkte Verbindung gesetzt

Geradeüber stößt an das Foyer unmittelbar der große Sitzungssaal, auf dessen Einrichtung weiterhin näher eingegangen werden soll. Korridore von 10' (3,14m) Breite, in den Ecken durch Oberlichte erhellt, umgeben ihn von den drei anderen Seiten und gewähren eine vollständige Kommunikation nach allen Richtungen; je zwei Türen in jeder Wand dienen als Ein- und Ausgang für die Abgeordneten resp. das Präsidium und die Bundesrats-Mitglieder. An dem linken Seitenkorridor liegen dem Saale entgegengesetzt der große Saal für die Stenographen, das Korrekturzimmer und eine zweite Retirade, welche ihr Licht von einem 25' (7,85m) breiten Hofe, dem unbebaut gebliebenen Reste des ehemaligen großen Hofes empfangen; an dem Hinterkorridor liegen, nach dem zweiten Hofe des Grundstücks schauend, die Zimmer und Vorzimmer für die Schriftführer und den Präsidenten des Reichstages, den Reichskanzler und den Präsidenten des Bundesrates, sowie eine dritte kleinere Retirade; der rechte Seitenkorridor endlich, welcher an der Grenze des benachbarten Herrenhauses liegt, führt in seiner Verlängerung nach dem in jenem oben erwähnten Ausbau enthaltenen Sitzungssaal des Bundesrates und vermittelt die Verbindung mit dem Garten und dem Lesezimmer des Herrenhauses, welche für die Benutzung der Reichstagsmitglieder offen stehen sollen.

Was nunmehr den Sitzungssaal der Reichstagsabgeordneten betrifft, so ist zunächst zu erwähnen, dass seine Dimensionen 90' (28,25m) Länge, 70' (22m) Breite und 40' (12,55m) Höhe betragen und dass derselbe durch ein Oberlicht von 56 x 36' (resp. 17,57 x 11,30m) erleuchtet wird. Der Sitzungssaal des Preußischen Abgeordnetenhauses hat bei gleicher Länge von 90' nur eine Breite von 46' (14,44m), ist also um mehr als ein Drittteil kleiner.

Für die Einteilung des Saales, welche im Wesentlichen dem von dem Geh. Baurat Herrmann für eine freie Baustelle und einen massiven Neubau ausgearbeiteten Projekte entlehnt wurde, ist als Hauptmotiv angenommen, dass das Bureau des Reichstages wie die Sitze des Bundesrates an einer und derselben Langseite des Saales sich befinden, während die Sitze der Abgeordneten sich davor in Form eines Halbkreises gruppieren, dessen Zentrum das Rednerpult bildet. Die Höhenverhältnisse sind derartig angeordnet, dass das Podium des Rednerpultes in einem Niveau mit dem hinteren Fassboden des Saales, d. i. 41 1/2' (l,41m) über dem tiefsten Teile desselben liegt, von welchem aus die Sitzplätze in einer Neigung von 1: 9 ansteigen. Nicht ganz so hoch, in einer Höhe von 3 1/2' (l,10m) liegen die Sitze des Bundesrates und der Referenten, 5 1/2' (l,73m) diejenigen der Schriftführer, 6' (l,88m) der Platz des Präsidenten; letzterer ist so nahe an die Saalwand gerückt, dass hinter demselben ein besonderer kleiner Korridor zur bequemen Kommunikation ausgebaut werden musste. Unmittelbar vor dem Rednerpulte, dessen Entfernung von den zunächst befindlichen Sitzen nur 16' (5m) beträgt, ist in üblicher Weise der Platz der Stenographen angeordnet; vor diesem aber ist in Wahrheit ein „Tisch des Hauses“ erstanden, den in eingelegter Arbeit der Reichsadler und die Wappen der Reichsländer zieren, der aber freilich den Nachtheil hat, dass es sowohl den Rednern, wie noch mehr dem Präsidenten schwer fallen möchte, ihn zur Niederlage eines Dokumentes zu benutzen.

Die Zahl der Sitze für den Bundesrat, die zu beiden Seiten des Bureaus in je zwei Reihen und zwar in einer höchst vorteilhaften schrägen Stellung angebracht sind, beträgt 44, die Zahl der Sitze für die Abgeordneten, abgesehen von den in den Ecken befindlichen Divans, 400. Die Breite eines Platzes, welcher mit einem gepolsterten und mit Leder überzogenen Klappsitze und mit einem verschließbaren Pulte ausgerüstet ist, wurde dabei auf mindestens 2' (0,63m), die Tiefe auf 3 1/2' (0,78 m) bestimmt und das Prinzip durchgeführt, dass neben einem zentralen Mittelgange so viele radiale Quergänge angelegt wurden, dass ein Abgeordneter beim Verlassen seines Sitzes höchstens an einem Nachbar vorbei zu passieren hat. Diese Anordnung, durch welche die Gesamtzahl der Plätze in sieben keilförmige Hauptgruppen zerlegt worden ist, die in dem inneren Halbkreise in einer Breite von zwei Plätzen auslaufen, macht neben ihren sonstigen Vorzügen auch eine sehr bequeme und übersichtliche Verteilung der einzelnen Fraktionen möglich, die auf jenen Vorderplätzen voraussichtlich ihre streitfertigsten Kräfte platzieren werden, während die schweigsameren Mitglieder des Hauses die aufwärts belegenen Sitze erhalten dürften. Dass es jedem einzelnen Abgeordneten resp. Bundesratsmitgliede möglich ist, das ganze Haus zu übersehen und von allen Seiten gesehen zu werden, und dass unter diesen Umständen das Sprechen vom Platze, dem ja bekanntlich die Mehrzahl der Abgeordneten den Vorzug gibt, wesentlich erleichtert worden ist, darf wohl besonders hervorgehoben werden.

Haben wir damit die Disposition der im Erdgeschoss liegenden, für die Plenar-Sitzungen des Reichstages erforderlichen Räumlichkeiten erläutert, so können wir in Kürze hinzufügen, dass sich im oberen Stockwerke, soweit dasselbe nicht von den Zuhörerräumen etc. eingenommen wird, die sieben Abteilungssäle und die sechs Kommissionszimmer befinden, welche für die vorbereitenden Berathungen dienen. Den Zugang zu denselben vermitteln drei Treppen, von denen die eine im Vorderhause, die beiden anderen im Hinterhause ihren Platz erhalten haben.

Der Eingang für die Büreaubeamten und Stenographen sowie für die gesamte Zuhörerschaft, welche den Sitzungen auf den Tribünen beiwohnt, erfolgt durch den auf der linken Seite des Vorderhauses befindlichen Torweg, aus welchem die Zufahrt über den kleinen Hof hinweg mittels einer zweiten das Hinterhaus durchschneidenden Durchfahrt nach der Tiefe des Grundstücks führt. Die Mitglieder des Bundesrates und das mit diesen dienstlich verkehrende Publikum können sich desselben Zuganges bedienen und durch das letzte Treppenhaus direkt in den Korridor hinter dem Sitzungssaale gelangen, werden jedoch vorzugsweise den Eingang der Abgeordneten benutzen. Zu den Bureaus, welche im oberen Stockwerke des linken Seitenflügels ihre Stätte gefunden haben, führen zwei besondere Treppen, doch stehen dieselben selbstverständlich auch mit den anderen Räumen des Geschosses im Zusammenhange und sind von dort ans erreichbar.

Einer etwas eingehenderen Erwähnung bedarf die Anlage der zum Sitzungssaal gehörigen Tribünen und ihrer Zugänge. Dieselben sind auf drei Seiten in einer Höhe von 13' (4,10m) ihres niedrigsten Fußbodenpunktes über dem höchsten Punkte des Saalfußbodens angeordnet. Der Zufall hat es gewollt, dass leider auch hier, wie im Abgeordnetenhause, die dem Rednerpulte gegenüberliegende Seite, an welcher das durch beide Geschosse reichende Foyer liegt, geschlossen bleiben musste, doch dürfte dieser Nachteil praktisch weniger fühlbar werden, weil — wie schon oben angedeutet — die Sitte vom Platze aus zu sprechen voraussichtlich noch feststehender werden möchte. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet erscheint die Zuhörer-Tribüne hinter dem Redner- und Präsidentenpulte, welche für das allgemeine Publikum bestimmt ist und 240 Sitzplätze enthält, als die günstigste. Die zu derselben führende Treppe liegt gleichfalls neben der Durchfahrt nach dem Hinterhofe; gegenüber diesem Aufgang ist für die Besucher eine Garderobe, an der vorderen Durchfahrt eine Billet-Ausgabe und im Hofe eine Retirade angelegt.

Zur linken Seite des Saales — (nach unserer bisherigen Bezeichnungsweise; vom Platze des Präsidenten, also nach parlamentarischem Sprachgebrauche auf der Rechten) — liegen die Journalisten-Tribüne, sowie die Hof- und Diplomaten-Loge. Die für 62 Plätze bestimmte Journalisten-Tribüne ist mit möglichster Berücksichtigung praktischer Zweckmäßigkeit mit bequemen Schreibplätzen, sowie leicht zugänglich angeordnet; auch stehen den Berichterstattern der Presse, welche im Übrigen denselben Aufgang wie das große Publikum benutzen, drei besondere Arbeits-Zimmer zur Verfügung. Als Aufgang zur Hof- und Diplomaten-Loge, welche mit einem entsprechenden Vorzimmer, jedoch ohne besonderen Luxus und unnötige Raumverschwendung ausgestattet sind, dient eine besondere Treppe neben der vorderen Durchfahrt. — Die gegenüberliegende Seite endlich wird von einer Tribüne eingenommen, zu welcher der Zugang mittels einer der innerhalb der Geschäftsräume des Reichstags liegenden Treppen erfolgt; dieselbe ist den Mitgliedern des Reichstages resp. den Mitgliedern des Bundesrates und den Kommissaren der Bundesregierungen zur Verfügung gestellt und enthält in 2 Abteilungen 75 resp. 30 Plätze. —

In nicht geringerem Maße, als die allgemeine Disposition der Anlage dürfen die technischen Details der Ausführung, für welche bekanntlich nur die Frist von drei Monaten zur Verfügung stand, ein hervorragendes Interesse beanspruchen.

Wir haben oben bereits hervorgehoben, dass es keineswegs ein Vorteil, sondern eine wesentliche Erschwerung der Aufgabe war, dass das Haus nicht von Grund auf neu, auf einer freien Baustelle, sondern mit Benutzung älterer Gebäude errichtet werden musste. So wenig dies im ersten Augenblicke einem Laien einleuchten mag, so wird doch jeder Techniker den Zeit- und Arbeitsverlust zu würdigen wissen, der allein durch die Abbruchsarbeiten und das Wegschaffen des Schuttes, demnächst durch die Beschränkung und Verengung der Baustelle, vor allem aber durch die Notwendigkeit herbeigeführt wird, sich den alten Konstruktionen anzuschließen. Diese Notwendigkeit, sowie die Rücksicht auf die Herstellung möglichst vollkommener Heizungs- und Ventilations-Einrichtungen bedingten in diesem Falle die Ausführung umfangreicher Maurerarbeiten und demgemäss einen um sehr vieles größeren Zeitaufwand als ihn ein Holzbau, etwa nach Art des Österreichischen Abgeordnetenhauses, erfordert hätte. Das provisorische Haus des Deutschen Reichstages ist dafür auch in seinem Kerne wesentlich solider geworden als dieses, ganz abgesehen davon, dass es in seiner Einrichtung und Ausstattung mit ihm überhaupt nicht verglichen werden darf.

Eine spezielle Beschreibung der zur Anwendung gebrachten Konstruktionen können wir hier nicht geben. Soweit es sich um völlig neue Bauteile handelte, also in erster Linie bei dem Bau der beiden Sitzungssäle für den Bundesrat und Reichstag, hat man selbstverständlich vorzugsweise Holzkonstruktionen, als die am Leichtesten und Schnellsten auszuführenden, gewählt. Der erste ist in regelrecht verbundenem Fachwerk ausgeführt, die Wände des zweiten sind auf einem Unterbau von massiven Pfeilern als ein System von hölzernen Doppelstielen mit gemauerten Zwischenfeldern (an den kürzeren Seiten 10“ (0,26m), an den längeren 3' (0,94m) stark) errichtet worden, weil es notwendig war, innerhalb derselben die Kanäle für die Heizung anzuordnen. Sämtliche Decken und Dächer, bei denen es mit Rücksicht auf die vielen Oberlichte und bei der Schwierigkeit, so kolossale zusammenhängende Dachflächen zu entwässern, eine Fülle der kompliziertesten und schwierigsten technischen Aufgaben zu lösen galt, sind gleichfalls in Holz verbunden, die Dächer mit Zink eingedeckt.

Eine sehr viel größere Rolle als die Herstellung des konstruktiven Gerüstes spielte übrigens die Frage des inneren Ausbaues und die Wahl geeigneter Mittel für die Wand- und Deckenbekleidungen. Obwohl die Anwendung von Mörtelputz nicht ganz vermieden werden konnte, so war es doch notwendig, dieselbe auf das geringste Maß einzuschränken, wenn eine Vollendung des Baues bis zum Oktober gesichert werden sollte; denn leider gibt es noch keine künstlichen Mittel, um das Trockenwerden des Putzes in solchem Maße und in solchem Umfange zu beschleunigen, wie es hier erforderlich gewesen wäre. Es sind daher in den beiden Sitzungssälen Decken und Wände zum Teil mit hölzernem Täfelwerke bekleidet worden; im Übrigen wurden auf die rohen Wände Holzrahmen geheftet, diese mit Leinwand bespannt, und hierauf Tapeten oder Malerei angebracht — allerdings eine etwas vergängliche und nachteiligen Einwirkungen leicht ausgesetzte, immerhin aber die in diesem Falle einzig mögliche Konstruktion.

Äußerlich wird dieser Mangel wenig sichtbar werden, vielmehr wird die Erscheinung der gesammten Innenräume, deren Dekoration Seitens der Architekten mit einer teilweise wohl auf individuelle Neigung zurückzuführende Vorliebe ausgebildet wird, in Verbindung mit dem durchweg opulenten Mobiliar eine im höchsten Grade würdige und prachtvolle sein. Zunächst gilt dies von dem in vollständiger Boisirung durchgeführten Sitzungssaale des Bundesrates, der ein in Nussbaum hergestelltes Meublement, in der Anordnung des Magistrats-Saales im Berliner Rathause erhält, sowie von dem großen Sitzungssaale des Reichstages, dessen Wände bis zur Höhe der Tribünen getäfelt und durch kräftige Pilaster getheilt, in warmen braunen Tönen gehalten werden, während die hölzernen Kassetten der das Oberlicht umschließenden Deckenfelder Bronzeornament auf blauem Grunde zeigen; doch wird auch die einfachere Ausstattung der übrigen Gelasse in ihrer farbigen Ausbildung gewiss nicht hinter diesen Prachträumen zurückbleiben.

Eine besondere Aufmerksamkeit ist selbstverständlich den Einrichtungen für Heizung, Ventilation und Beleuchtung gewidmet worden, da die Ansprüche der Reichstagsabgeordneten wohl in keiner Beziehung so schwer zu befriedigen sein dürften, als gerade in diesen Punkten. Ein zentrales Heizungs- und Ventilations-System für das ganze Gebäude anzulegen, war unter den gegebenen Verhältnissen nicht wohl möglich; es sind daher in allen kleineren Räumen Schüttöfen verbesserter Konstruktion aufgestellt worden, durch die gleichzeitig eine Ventilation dieser Zimmer bewirkt wird, während größere und gemeinschaftliche Anlagen zu diesem Zwecke allein für den großen Sitzungssaal und das Foyer angeordnet worden sind.

Wie bei der im Preußischen Abgeordnetenhause vorhandenen Einrichtung erfolgt die Heizung dieser Räume gleichzeitig mit der Zuführung frischer, bis zu einem erforderlichen Temperaturgrade erwärmter Luft. Während jedoch dort eine eigentliche Pulsion angelegt ist, so dass die durch einen Ventilator in die Heizkammer und von dort in den Saal getriebene Luft mit einiger Geschwindigkeit durch ziemlich tief liegende Öffnungen (i. c. 10' H.) einströmt, wird hier die natürliche Bewegung der erwärmten aufsteigenden Luft und die Ansaugung kalter frischer Luft in die Heizkammern nur durch einen dünnen Luftstrom unterstützt, der in den betreffenden Zuführungskanal eingeblasen wird. Es liegt dieser Zuführungskanal, in welchen die Luft aus dem Garten des Herrenhauses eintritt, unter dem Korridor auf der rechten Seite des Sitzungssaales; unter dem Foyer und dem hinteren Korridor sind demnächst die beiden Heizkammern angeordnet, in welchen die Luft an den Röhren einer Dampfheizung sich erwärmt und aus denen sie in den oben erwähnten Kanälen der beiden äußeren Langwände des Saals senkrecht emporsteigt, um in einer Höhe von ca. 30' (9,42m) durch entsprechende Öffnungen in den Saal resp. in das Foyer zu strömen. Die Entfernung der verdorbenen Luft des Saales erfolgt durch Aspiration mittels eines großen Ventilationsschachtes; die Öffnungen zur Aufsaugung derselben sind am Fußboden unter den Sitzen angebracht, der Hauptkanal, in welchen die einzelnen Leitungen münden, liegt unter dem Korridor auf der linken Seite des Saales und der Tribünen.

Die Einblasung frischer Luft und die Aspiration der verdorbenen soll stets gleichmäßig, auch während des Sommers erfolgen, worauf großes Gewicht gelegt wird. Ein guter Erfolg der Heizungs- und Ventilations- Einrichtungen und ein großer Vorteil gegen die Zustände des Abgeordnetenhauses scheint uns übrigens dadurch garantiert zu sein, dass die Veranlassung zu dem von jedem Norddeutschen so sehr gehassten Zuge hier in geringerem Grade vorliegt, weil der Sitzungssaal ringsum von geheizten Korridoren umgeben und durch benachbarte Gebäude geschützt ist.

In Betreff der Beleuchtungs-Einrichtungen möchte ausschliesslich die Anordnung zur abendlichen Erleuchtung des großen Sitzungssaales eine nähere Erwähnung fordern. Dieselbe erfolgt einerseits durch eine Anzahl von Ampeln, die an den Pilastern der Wände befestigt sind, hauptsächlich aber durch Erhellung des großen Oberlichtes, über welchem 660 Gasflammen mit neusilbernen Reflektoren angebracht sind, die nach Art der in der hiesigen Synagoge getroffenen Einrichtung auf 12 Wagen verteilt sind, die bei Tage zurückgeschoben werden. Selbstverständlich ist auf eine entsprechende Ventilation des Dachbodenraums und die Zuführung des für einen so starken Verbrauch erforderlichen Luftquantums Bedacht genommen.

Ungewöhnliche Verhältnisse hat die Art des Baubetriebes hervorgerufen, welche für eine Vollendung des Gebäudes in der gegebenen Frist erforderlich war. Trotz der passendsten und zweckmäßigsten Wahl der Konstruktionen, trotz Anstellung einer so großen Zahl von Arbeitern, wie sie der disponible Raum nur zu fassen vermochte, wäre dieselbe wohl schwerlich zu erreichen gewesen, wenn nicht gleichzeitig die Nacht zur Hilfe genommen waren wäre. So bot sich das für Berlin ungewöhnliche und daher stete zahlreiche Neugierige anlockende Schauspiel einer nächtlichen Arbeit, bei welcher die von geschäftigen Menschen wimmelnde Baustelle mit allen nur herbeizuschaffenden Mitteln, Gas, Fackeln und elektrischem Lichte erleuchtet wurde. Das letztere wurde zur Zeit rührigsten Betriebes an drei Stellen angewendet, und zwar wirkten auf dem ersten Hofe ein solches von 200 und ihm entgegen, um die Schatten zu mildern, ein zweites von 80 Elementen, während der zweite Hof durch ein einziges Licht von 80 Elementen erhellt wurde. Die Kosten dieser elektrischen Beleuchtung haben sich pro Nacht auf ca. 40 Thlr. gestellt; ihre Anwendung fand eine eigentliche Bedeutung jedoch selbstverständlich nur so lange, als der Bau in seinen unteren Teilen gefördert wurde.

Die Gesamtzahl der Arbeiter war in zwei sich ablösende Schächte geteilt, und zwar waren vor Eintritt des Maurerstreiks 170 Maurer, 60 Zimmerer, 130 Handlanger und 140 Schachtarbeiter bei Tage, 83 Maurer, 40 Zimmerer, 60 Handlanger und 190 Schachtarbeiter bei Nacht beschäftigt. Die Arbeitseinstellung der Maurer hat diese Zahl zeitweise nicht unerheblich verringert und schließlich — wenn auch nur für eine kurze Frist — zur gänzlichen Sistierung der Arbeit geführt. Dass diese Störungen, zu denen später der in seinen Folgen fast noch empfindlichere Streik der Tischlergesellen trat, auf den Fortgang des Baues einen hemmenden Einfluss äußern mussten, ist sehr natürlich. Trotzdem lässt sich wohl schon jetzt mit voller Sicherheit übersehen, dass der als Vollendungstermin festgesetzte Tag, der 1. Oktober d. J., nicht um ein Bedeutendes überschritten werden wird.

Es bleibt uns schließlich nur noch übrig der wesentlichsten technischen Hilfskräfte zu erwähnen, welche an diesem Baue Teil genommen haben und deren Energie und Geschick ein wohlverdienter Anteil an dem Gelingen desselben gebührt. Die Spezial-Aufsicht der Ausführung war dem Baumeister Herrn Hin übertragen, die Maurerarbeiten, welche bei der Schwierigkeit der Lage fast ausschließlich in Tagelohn bewirkt werden mussten, hatten die Hrn. Lauenburg und Koch, die Zimmerarbeiten die Hrn. Hesse und Adolf Schulz, die Eisenkonstruktion Hr. Hauschild, die Klempnerarbeiten, Dachdeckungen, etc. Hr. Peters u. Barella übernommen; die Heizungs-, Ventilations- und Beleuchtungs-Einrichtungen sind von der Aktien- Gesellschaft für Gas-, Wasser- und Heizungs- Anlagen (früher Schäfer & Walker) ausgeführt. In die Tischler- und Maler-Arbeiten hat sich eine größere Anzahl von Unternehmern geteilt.

Ob die Kosten des Baues sich gegenwärtig auch nur annähernd übersehen lassen, wissen wir nicht; jedenfalls steht fest, dass die anfänglich genannte Überschlagssumme von 170.000 Thlr. nicht ganz genügen wird, doch ließ sich ein genauerer Überschlag unter den vorliegenden Verhältnissen auch unmöglich aufstellen. Bei dem Werte, der von Seiten der Reichsregierung wie von Seiten des Reichstages darauf gelegt worden ist, den Bau unter allen Umständen noch vor Beginn der nächsten Sitzungsperiode zu vollenden, ist wohl nicht anzunehmen, dass man auf die finanziellen Opfer, welche dies erfordert hat, große Rücksicht nehmen wird. Es wäre vielleicht möglich gewesen billiger zu bauen, allein dann hätte vor allen Dingen darauf Verzicht geleistet werden müssen, in Bezug auf Anlage und Ausstattung des Gebäudes die Würde zu wahren, welche unzweifelhaft auch einem provisorischen Sitze der deutschen Volksvertretung gebührt.

Dass man dies nicht getan hat, dass vielmehr dem an die Spitze des Werkes gestellten Architekten in dieser Beziehung völlig freie Hand gelassen wurde, ist uns ein erneuter Beweis dafür, dass die Anschauungen unserer leitenden Kreise über das Maß dessen, was bei einem öffentlichen Bauwerke dieses Ranges würdig und angebracht ist, wesentlich vorgeschritten sind, und mag uns ein erfreuliches Zeichen für den Geist sein, in welchem dereinst der Bau des definitiven Reichstagshauses eingeleitet werden wird.

Aus: Deutsche Bauzeitung. Wochenblatt herausgegeben von Mitgliedern des Architekten-Vereins zu Berlin. Redakteur K. E. O. Fritsch. Berlin, den 28. September 1871