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Aber dennoch darf sich ein Autor, der eine solch bekannte Persönlichkeit porträtiert, Kritik anhören lassen. Also muss man sagen dürfen, dass es Ihr Verdienst ist, dass sich gefühlt die Hälfte des Buches als Roman durchblättern lässt: nur – es ernst zu nehmen fällt schwer bei all den sprachlichen Nebelkerzen, die Sie werfen. Distanz zum Beschriebenen scheint das allergrößte Problem im „Werk“.

Hier sind 11 beispielhafte Stellen, die ich gern mit Ihnen und den Lesern anschauen möchte. Sie sind ganz nah am Text, mit Seitenzahl – Sie verstehen – richtig mit klarer Referenz, Zitaten und so:

S. 88/89) An dieser Stelle wird die Nachkriegszeit geschildert. Sie meinen:

„Mit ihrem bescheidenen Gehalt musste sie nicht nur die Miete für die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in Leinfelden stemmen, sondern auch für den Unterhalt der Mutter sorgen. Ein Schicksal, dass sich in dieser Zeit tausendfach wiederholte…“

Hannelore bekam bei BASF Anfang der 50er 250 DM monatlich und hatte eine Festanstellung. Bei allem Respekt, aber ein schlimmes Schicksal sieht anders aus, und es ist eine von vielen pathetischen Stellen, an denen das Taschentuch ruhig stecken bleiben darf.
Heribert Schwan

S. 136) Hier geht es um Hannelores Leipzig-Besuche:
„Was damals wirklich in ihrem Herzen und ihren Gedanken vor sich ging, erfuhr keiner ihrer Mitreisenden. Gefühle zu unterdrücken hatte sie hinreichend gelernt. Was sie auf der Reise am meisten erfreute, war …“

Hallo, Herr Schwan, was denn nun? Spekulation – Klappe, die Dritte!

S. 125 vs. 137) Sie wechseln im Ton zu Hannelore K. leider minütlich von „armes Heimchen am Herd, das die Rolle passiv annimmt“, „armes Flüchtlingskind“ zur „selbstbewussten Frau, die weiß, was sie will, die anpackt“. Die widersprüchliche Darstellung ändert sich auch später nicht. Sie schreiben, wie H. die Rolle als rheinland-pfälzische, repräsentative Landesmutter kraftvoll annimmt:

„Sie warb um das schöne Bundesland Rheinland-Pfalz, erzählte von Geschichte und Kultur, von den Menschen und ihren Leistungen.“

Nur wenige Seiten später:

„Im Herzen blieb Hannelore ihr ganzes Leben lang eine Ostdeutsche, eine Leipzigerin, die gerne sächsisch sprach (mit wem?) und auch nach Jahrzehnten nicht wirklich in der Pfalz angekommen war. Dort blieb sie eine Fremde bis zu ihrem Tod 2001.“

Fällt es Ihnen nicht gar nicht mehr auf, wie widersprüchlich Sie schreiben?

S. 147) Dort zücken Sie erneut das Taschentuch über die kargen Verhältnisse, unter denen unser Helmut – wie jeder Ministerpräsident – lebte und sich neuen Aufgaben stellte:

„Helmut Kohl war erst 46 Jahre alt und musste erst lernen, sich auf den verschlungenen Wegen des Bonner Parketts in seiner neuen Position zurechtzufinden.“

– Schluchz, Schnief! Das arme kleine Küken!

Das ist einer von ca. 84 Momenten, Herr Schwan, wo man das Buch weglegt und denkt: Das ist nicht Ihr Ernst!?

S. 179) Hier beschreiben Sie, wie heldenhaft Hannelore als Kanzlergattin den Computer-Unternehmer Heinz Nixdorf im Flugzeug zu einer Kooperation bewegt, „sie überzeugt ihn“, „es gelang ihr,…ihn für ihre Projekte zu gewinnen“ usw. Ähm, hüstel. Erst viel später, nach weiteren Heldentaten, verraten Sie das Geheimnis:

„Dennoch kam ihr die Stellung als Gattin des amtierenden Bundeskanzlers natürlich zugute.“

Meinen Sie wirklich? Wow!

S. 195) Auf dieser Seite huldigen Sie einmal mehr der volksnahen Frau:

„Hannelore hatte viel Verständnis …, verweilte gern auf eine Zigarettenlänge in der Küche und hörte sich geduldig an, wie der Kanzler-Koch seine Arbeitswelt sah und bewertete.“

Frage: Wie lang waren Hannelores Zigaretten? Sind 3-4 Minuten „Zuhören“ schon Geduld?

S. 206/207) In zahlreichen Anekdoten zeichnen Sie die Hannelore, die immer „eine von uns“ geblieben ist und vor allem beim Personal immer beliebt war. Gut zwanzig Mal im Buch fällt der Satz „noch heute schwärmt“ der oder die von ihr, Schneiderin, Fahrer, Friseurin, Koch, Haushaltshilfe usw.
– Bei allem Respekt, Herr Schwan – ist es nicht naiv, zu glauben, besonders heute noch im Beruf Stehende würden über eine ehemalige Top-Kundin herziehen und sagen: „Ach, eigentlich war sie ein nerviger Kontroll-Freak“. Natürlich loben Sie sie immer noch über den grünen Klee! Sie tun es ja schließlich auch. (Achtung, Spiegelbild!)

S. 213) Dort geht es um das Ehepaar Kohl in Dresden. Hier werden Sie zum hellseherischen David Copperfield des plumpen DDR Klischees:

„Trotz der nicht erkennbaren, aber anwesenden Stasi…“

Wow, wie haben Sie das gewusst? Nicht sichtbar, und dennoch da? Ein beinahe (CDU) christliches Element, finden Sie nicht? Macht Ihr Buch ein wenig göttlich!

Ich dachte, platter, klischeebedienender und in widerlegten Denkmustern gefangener als W. Herles geht´s nicht – aber: doch, grandiose Einzelleistung an dieser Stelle.

S. 216) An diesem Punkt wird eine Reise nach Moskau beschrieben:

„Hannelore hingegen blieb sehr reserviert … ohne es sich anmerken zu lassen … blieb – von Außenstehenden niemals zu spüren – auf Distanz.“

Niemals, von keinem nie nicht? Ihre fortgeschrittenen Fähigkeiten, auch noch in die Köpfe mehrerer anderer Menschen zu schauen, sind fantastisch. Dazu noch Ihre Vorsicht gegenüber absoluten Aussagen. Glückwunsch!

S. 274) Eine weitere Schwierigkeit im Buch ist das Bild, das Sie sich vom Leser machen, Herr Schwan. Machen Sie sich überhaupt eins? - Einerseits erklären Sie:

-    wo und was Bonn ist,  (ein ehem. Regierungssitz am Rhein, Wahnsinn!- S. 145),
-    dass 53 % eine Mehrheit sind (ach, echt?),
-    dass der „langjährige Familien-Hausarzt H. Lösl“ (S.131) sich mit dem Gesundheitszustand der Söhne auskannte (meinen Sie?),
-    dass ein Suizid eine „Aggression gegen sich selbst“ ist (wirklich?) usw. usw. usw.

– also erklären Sie viele Dinge, als könne der Leser einer Hannelore Kohl-Biographie sicher nicht bis 3 zählen. Dann jedoch holpern Sie problemlos über medizinische Fachbegriffe wie Kontusion, Hygrom, gastrointestinal usw. Also – beim nächsten Mal nicht an einem Lektor sparen.

S. 294) Und - Die Stasi darf natürlich in einem Buch über die Kohls nicht fehlen. Nachdem Sie den Leser schon sanft darauf vorbereiten (S. 214), dass die Staatssicherheit vielleicht am Ende sogar Helmut Kohl abgehört haben könnte (Wahnsinn, sowas hat die Stasi gemacht?) – erklären Sie aber fachmännisch über die Kanzler-Akten:

„Niemand wusste, was tatsächlich in den Unterlagen des Archivs des DDR-Geheimdienstes nachzulesen war.“

– Räusper – Doch, Herr Schwan, die Stasi selbst zum Beispiel! Und davon leben noch manche. Und Kopierer hatten die auch!

Aber:

Danken muss man Ihnen für die letzten 30 (von 320) Seiten, die die Krankheit und das Leiden Hannelore Kohls in ein (endlich) realistischeres Licht rücken, endlich Maike Richter-Kohls merkwürdige Machenschaften etwas erhellen, auch an Helmuts Denkmalhöhe mit wackeln helfen und die gutherzigen Unterstützer Hannelores beim Namen nennen.
Vermutlich war es aber in Ihrem Bertelsmann-Buch nicht gestattet, näher auf die große, irritierende, über den Altkanzler vielsagende Nähe von Helmut und Maike Kohl zum Springer-Verlag einzugehen, wobei vermutlich Maike Kohl bei der mühsam von Hannelore aufgebauten ZNS-Initiative (Stiftung für Menschen mit Schädigungen des Zentralen Nervensystems) für einen ähnlich familiären-manipulativen Führungs-Stil sorgen wollte wie bei der Bertelsmann-Stiftung.
Zum Glück ist das nicht gelungen und so bleibt dieses wichtige Lebenswerk ZNS von Hannelore Kohl in den Händen ihrer Freunde erhalten.

Vielleicht ein einziger Tipp:
- Bei so prominenten Themen und Personen, Herr Schwan, nennen Sie keinen Lektor und danken auch niemandem für die Entstehung des Buches – warum nicht?
Haben Sie wie Walter Kohl einfach Ihren Lektor überstimmt, oder hielten sich für kohlgleich unantastbar, über ein Thema schreiben zu können, zu dem Sie keine klare Distanz haben? Ein guter Freund hätte Sie sanft auf die vielen Stilbrüche, Widersprüche, überflüssigen Wiederholungen und vagen Vermutungen hingewiesen.

Selten kann ein Schreib-STIL das eigentliche THEMA des Buches und die Lektüre ungenießbar machen. Dies ist Ihnen an einigen Stellen gelungen!
Viel Erfolg beim nächsten Buch! Vielleicht thematisieren Sie dort jemanden, der sich noch wehren kann.
Vielleicht ist Franz Josef Strauß ja doch noch am Leben und spielt heimlich mit Gaddafi und Margot Honecker Skat?

Ihr nicht auf Antwort hoffender

Carsten Schmidt