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Diese vier Hauptsäfte sind:

1. Sanguis, oder St. Julien, die rote Flüssigkeit, macht den Sanguiniker.

2. Cholos, oder Gelbsiegel zu 25 Sgr., die gelbe Flüssigkeit, macht den Choleriker.

3. Cholos melas, oder Porter, die schwarze Flüssigkeit, macht den Melancholiker.

4. Phlegma, oder „die Weiße“ - verschleimende Flüssigkeit, macht den Berliner.

 

Jedes Temperament steht mit den Eigenschaften und Mängeln seiner Flüssigkeit in Verbindung und ist je nachdem klug, tapfer, offenherzig, süffig, rheumatisch oder hömorhoidalisch.

 

I. Der Sanguiniker

 

ist heiter und leichtblütig aber charakterlos. Schwärmt heut für Pepita und Kossuth, morgen für Petra Camara und den Kaiser von Russland. Ist gewissenlos und vergesslich, sieht immer den Himmel voll Geigen und macht sich keinen Kummer, wenn auch Staatsschuldscheine 66 stehen. Haussier im Leben wie an der Börse, trinkt er dennoch in den schlechtesten Zeiten Champagner und gibt sein letztes Zweigroschenstück für eine ächte Regalia-Zigarre aus. Er hat eine Pferdenatur, indem er beim Schmerz stumm bleibt und nur „bei freudigen Gelegenheiten“ wiehert. Wenn er Geld hat, ist jeder Tag für ihn „der Letzte,“ und wenn er keines hat, jeder Tag „der Erste,“ an dem er sicher welches bekommen muss. Er trägt im Dezember Sommerhosen und wenn ihm diese im Juli fehlen, geht er im Schlafpelz aus. Sein Wahlspruch ist: aut Caesar aut aliquid! zu Deutsch: Entweder oder aber entweder oder!

 

II. Der Choleriker

 

ist stolz und selbstsüchtig, aber grausam und stark behaart. Er hasst die Welt und geht nie ohne Stock aus. Rasch, zornig, wild und verwegen liebt er nur kalte Getränke und fremde Biere. Er handelt nie im Indikativ oder Konjunktiv, sondern stets im kategorischen Imperativ. Geduld kennt er nicht, daher ihm die meisten Erzeugnisse der neueren Literatur unbekannt bleiben. Der edelsten Handlung wie der größten Schandtat gleich fähig, genießt er nach dem feinsten Johannisberger den elendesten Kutscherkümmel. Er hält alle Menschen für Banditen, sich selbst aber für den Ersten — aller Menschen. Er schlägt um acht Uhr seine Frau, küsst sie um neun Uhr und gibt ihr vor zehn stets noch einige Ohrfeigen. Sein liebster Aufenthalt ist das Stadtgericht, seine teuerste Beschäftigung die dauerhafte und solide Anfertigung von Verbal- und Real-Injurien. Sein Wahlspruch ist: Sic volo, sic jubleo!! zu Deutsch: So is et! und so soll et sind!

 

III. Der Melancholiker

 

ist ernst und kalt, aber traurig und erhaben. Er liebt Einsamkeit und Verborgenheit. Das Ziel seiner Spaziergänge ist der Friedrichshain, den er jedoch selten erreicht, da er unterweges bei Prell sitzen bleibt. Seine Bibliothek besteht aus Youngs Nachtgedanken und einer Placatensammlung aus dem Jahre 1848. Die Grundzüge seines Charakters sind: Wehmut, Porter und Ängstlichkeit. Im Frühling fürchtet er März stürme, im Sommer Julirevolutionen, im Herbst Septembertage und im Winter Februarunruhen. Sein Glaube ist: Strahl, seine Hauptbeschäftigung: Hämorhoiden. Sein Wahlspruch ist: O tempora, o mores! zu Deutsch'

Die ganze Welt ist be - - jammernswert!

 

IV. Der Phlegmatiker

 

ist schwer und dick, aber langsam und langweilig. Er geht nur in Droschken und fährt nie gut, wenn er zu Fuß geht. Er bringt bereits im dreißigsten Jahre was vor sich und kann im fünfunddreißigsten nie mehr was besehen! — Bescheiden aus Faulheit, genügsam aus Bequemlichkeit, leidenschaftslos aus Indifferenz, geduldig aus Dummheit, gehorsam aus Kurzsichtigkeit und gutmütig aus Beschränktheit, besitzt er alle Eigenschaften zum Bankier und Bumskellerwirt des neunzehnten Jahrhunderts. Im Jahre 1847 ist er liberal, 1848 Republikaner, 1849 Demokrat, 1850 konstitutionell, 1851 konservativ, 1852 Russe, 1853 Türke und 1854 wird er das sein, was seine Kunden sein werden. Sein Wahlspruch ist: Sie debes venire! zu Deutsch: So muss et kommen! sagt Neumann.