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Doch nicht bloß von dem aktiven Personale bei dergleichen Öffentlichkeiten gehen diese jours maigres aus, sondern noch mehr von dem passiven, dem Publikum. Denn dieses ist gleichfalls in Weihnachtsideen so versenkt, dass es, bis an den Hals eingesunken, sich gar mehr nicht anders zu regen weiß. Am wenigsten wird dabei (wie es häufig zu geschehen pflegt, dass der Mensch über die Accessorien das Wesen versäumt) an die heilige Bedeutung des Festes gedacht, und ich darf es im Namen meiner sämtlichen Mitbürger beschwören, dass die christlichen, frommen Gedanken die Schuld nicht tragen, weshalb sie nicht ins Schauspiel, ins Konzert, ja nicht einmal auf den Ball gehen, und Verständige solche Lockungen gar nicht veranstalten. Seltsamerweise haben die verschiedenen Geschlechter auch die verschiedensten Ursachen, um dergleichen zu vermeiden. Bei den Männern ist die Krankheit einfach, es ist die um diese Zeit ganz unglaubliche Schwindsucht des Geldbeutels. Ein Mann ist wirklich in der Weihnachtszeit ein elendes Wesen, besonders in Stunden, wie die, wenn etwa die Gattin zu ihm tritt, und möglichst silberstimmig sagt: „Liebes Männchen, wir müssen an Weihnachten denken!“ „Zum Teufel!“ fährt er möglichst eisenstimmig dagegen auf, „ich denke schon daran, dass mir die Haare zu Berge stehen!“ „Wir werden doch,“ fährt das Silberstimmchen fort, „an die Großmutter, die Großtanten, die Mutter, die Tanten“ — an die ganze Sippschaft bis zu Kindern und Kindeskindern, bis ins siebente Glied denken müssen,“ ergänzt der Eheherr die Phrase, in der Tat mehr heftig als höflich! — Genug, das Ende des Duetts ist, der Mann muss Geld geben, Geld, — und wiederum Geld! Er sieht nicht, wie er bis Neujahr leben soll, und dann kommen wieder die Rechnungen, der Arzt, der Apotheker, der Schneider, der Schuhmacher, die Putzmacherin, der Teufel und seine Großmutter! - Für Feinfühlende habe ich genug gesagt, um ihnen begreiflich zu machen, weshalb die Männer in der Weihnachtszeit fühllos gegen alle Kunstschönheit sind. Nun aber die Frauen! Einesteils werden sie von dem Beutelfieber auch ein wenig angesteckt, teils aus Sympathie, weil die Frauen, wenn sie das Geld der Männer ausgeben, wenigstens mitseufzen, teils aus kontraktlicher Verpflichtung, wenn nämlich in den Ehepakten die Gütergemeinschaft festgesetzt ist, teils endlich, aus eigener Disposition zu der Krankheit, da sie doch auch Geschenke auf eigene Hand machen müssen, zu denen zwar hauptsächlich Zeit und Arbeit, aber doch auch einiges Material gehört, was ohne Auslagen nicht angeschafft werden kann. Damit haben wir zugleich die Ursache, weshalb die pars feminina des Berliner Menschengeschlechts um Weihnachten kunstfastet. Es geschieht aus eigenem Kunsttriebe, der sie förmlich stachelt, jeden Verwandten, vom Urvater bis zum Urenkel, auf irgend eine Art zu bestricken oder zu benähen, behäkeln, betapisseriearbeiten, berülographiren etc. Die letzten vier Wochen vor Weihnachten wird somit jedes Haus, wenn nicht zum Zuchthause, doch zum Arbeitshause, und sollte man nach den Stickereien und Geweben darin urteilen, woran unsere liebenswürdigen Mitbürgerinnen arbeiten, so wären bei uns die Penelopen, um mit Fallstaff zu reden, so gemein wie Brombeeren. Nur dass sie Nachts nicht wieder auftrennen, was sie am Tage gemacht haben; natürlich — denn sie wollen sich mit ihrem Fleiß auch nicht die Freier abwehren, sondern lieber anziehen. Genug, jede unserer Damen stichelt in dem antichristmesslichen Monate noch mehr mit der Nadel als mit der Zunge. Das wäre, obgleich viel, doch noch wenig, aber das Geheim-Arbeiten! Die Mutter soll Nicht wissen, was ihr die Tochter näht, die Schwester nicht, was die Schwester für sie strickt. Da läuft man zur Tante, zur Gevatterin, zur Pate, zur Freundin; bei jeder wird gearbeitet, immer für das Haus, wo man nicht ist, dafür zu Haus für alle die Orte, wohin man mit der Arbeit für die Hausgenossen flüchtet. Dass in solcher Zeit der Bedrängnis wenig mit Frauen, die immer ihre Waffen, die Nadeln und Scheren, in der Hand haben, wie Truppen, die Gewehr im Arm bivouakieren, anzufangen ist, lässt sich denken. Ist aber ein Menschengeschlecht, dessen beide Geschlechter so leiden, fähig zu Kunstgenüssen? Kann man froh sein in der Oper, oder im Ballet, wenn man das Richtschwert des furchtbaren 24. Dezembers, an dem das jüngste Gericht, wo einem Alles geschenkt wird, nur nicht das Schenken selber, an einem Haar über dem Haupte schwebt? Kann ein Mann, das frage ich, gerührt sein im Trauerspiel, kann er vollends lachen im Lustspiel, wenn er am Tage so viel Makronen, gebrannte Mänteln und Marzipan zu Weihnachten gekauft hat, dass er nicht weiß, wie er nach Weihnachten Brot kaufen soll? —

Dies alles motiviertes hinlänglich, weshalb ein Korrespondent für Theater, Konzerte, Musik, öffentliche Geselligkeit u. dergl. im Dezember einen Feiermonat hat, sich auf die faule Haut legt und nichts aufs Papier bringt. Dennoch aber, wie ein fleißiger Geschichtsschreiber, wenn er nur will, doch aus der dürftigsten historischen Periode dicke Bände zusammenschreibt (wir haben in neuerer Zeit einige schauerliche Beispiele davon erlebt), so kann ein Korrespondent doch noch eine Ährenlese halten auf dem unwirtbaren Dezemberfelde. (D. F. f.)