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So alt verhältnismäßig jetzt schon die Friedrichsstadt ist, nämlich über hundert Jahre, so wollte es doch bis jetzt so wenig gelingen, den Kleinwarenhandel, namentlich mit Mode- und Luxuswaren, herzuziehen, als es in andern neu erbauten Stadtteilen sich durchsetzen ließ, obgleich daselbst ganze Bazare dafür von vornherein erbaut wurden. Dieser, ja der Detailhandel überhaupt blieb eigensinnig in den alten Städten Cöln und Berlin haften, und wenn er sich auch auf seinem ältesten Marktplatz, dem Mühlendamm (der zufällig wahrscheinlich auch der älteste Stadtteil ist) und dessen Arkaden mit Kaufläden seit einigen Dezennien fortgezogen hat, so sind die Königs-, Breite-, Brüderstraße und die Gegend an den Werderschen Mühlen bis zum Anfang der Jägerstraße noch immer die industriellen und fashionablen Kaufmannsviertel geblieben. Hier hat noch jüngst Gerson seinen großen und berühmten Bazar erbaut und wenn in andern Teilen des neuen Berlin, wie unter den Linden, sich vielbesuchte, reich ausgestattete Läden befinden, so sind sie da nur spärlich verteilt oder aus solchen Geschäftsfächern, die sich erst in jüngerer Zeit gebildet haben und Bedürfnis geworden sind. In diesem Herbst aber glaubte man an eine förmliche Auswanderung der Industrie und des Handels in die neuen Stadtteile. Noch vor zwanzig, ja vor zehn Jahren war die große Friedrichsstraße wenn auch nicht mehr eine öde, doch eine sehr stille Straße, mit einigen Läden, die sich nur durch das tägliche Bedürfnis fristeten. Bescheidene Ladentüren, mit einfachen oder gar keinen Schaufenstern, kleine Scheiben, hinter denen einige Gegenstände nichts weniger als künstlerisch ausgestellt waren, oft dick mit Staub bedeckt; die Klingel an der Tür rief erst den Besitzer oder die Besitzerin aus ihrer Hinterstube herbei, und Schürze, Feder, Schere oder Messer in der Hand verrieten, dass sie Arbeit und Werkstätte erst hatten verlassen müssen, um zum weit selteneren Verkaufsgeschäft zu schreiten. Wie mit dem Schlag einer Zaubergerte hat sich das nun verwandelt, nachdem es noch bis vor kurzem galt, dass alle Luxusgeschäfte hier Bankerott machen müssten; alle Käufer, auch aus diesen Gegenden selbst, wollten hier nun einmal nichts gut finden, sondern suchten ihren Markt in der entfernten eigentlichen Stadt. Jetzt strahlt fast in der ganzen dreiviertel Meilen langen Straße Abends Gasflamme an Gasflamme, nicht die städtischen draußen, sondern die aus den Läden in den Erdgeschossen. Laden an Laden, einer mit größeren Kristallscheiben als der andere, mit kostbaren Behängen, Draperien und ausgestelltem Putz und Modesachen. Es ist ein klein Paris mit den flimmernden Seiden- und Wollenstoffen in bunter Farbenpracht, mit den Porzellan- und Kristallgefäßen, den bronzenen, alabasternen, silbernen Gefäßen, Leuchtern, Ritter- und Tänzergestalten, den ausstaffierten Herrenkleidern, den Hauben, Hüten, Schleiern, Bändern, Gurten der Damentoiletten, und alles so malerisch auf den Effekt gruppiert. Dazu frisierte und feingekleidete Ladendamen und Herren, deren Haltung und Blick verrät, dass sie sich viel zu gut zur Arbeit dünken und ihr Dasein nur der fashionablen Unterhaltung mit Besuchern und Käufern gewidmet haben. Ja man trifft hier schon berühmt gewordene Schönheiten, und ein neues Geschäft in der großen Straße prosperiert durch seine Verkäuferin, indem Jung und Alt hinzieht, um sie als ein Wunder der Schönheit und — sagt man — auch der Modestie anzustaunen. Die Pariser Industrie kam glücklicherweise hier noch nicht zur Anwendung, auch aus Kriminalprozessen berühmt gewordene Damen an den Ladentisch zu setzen.

 

Alles fast wie in Paris. Ist aber Berlin darum schon eine Weltstadt, mit einem Publikum, das sich aus allen Ländern zum Sehen und Kaufen herdrängt? Allerdings hat der Eisenbahnknoten ein ganz anderes Reisepublikum hergeführt, als früher, aus den Provinzen und weiterher; die Deputierten, die sich, zum Teil mit ihren Familien, einen Teil des Jahrs hier niederlassen, haben schon manches geändert, wie denn die Zahl der Hotels, der möblierten Zimmer ungemein gestiegen ist, und aus den Provinzen kommen viele, welche sonst kaum je die Residenz besuchten, nur um Einkäufe zu machen, weil sie, namentlich für Luxusgegenstände, größere Auswahl und billigere Preise, finden. Aber man kann leider mit ziemlicher Sicherheit voraussagen, dass Industrie und Luxus hier dem Bedürfnis weit vorausgeeilt sind, und dass die Einnahmen mancher dieser Läden nicht die Spiegelscheiben und Gasflammen bezahlen werden. Mit einem Zauberschlage lässt sich keine Gewohnheit umwerfen und weder in der physischen noch in der moralischen Welt eine Gegend erobern. Die Einwohnerschaft bleibt doch die Hauptkundschaft eines Kaufmanns, und sie geht nicht leicht ab von alten Gewohnheiten und bleibt da, wo sie auf sichere, reelle Bedienung rechnen kann; am wenigsten lässt sie sich durch die Entfaltung eines Glanzes, den sie mit bezahlen zu müssen glaubt, blenden. So glaubt man schon mit Beginn des nächsten Jahrs eine große Zahl dieser neuen Etablissements wieder geschlossen und versiegelt zu finden, wie denn bereits einige. leider darunter auch alte sehr renommierte Handlungen, falliert haben. Es sind bis jetzt, zum großen Schrecken und zur Verwunderung des Publikums, solche, die einen großen Aufwand entfaltet hatten, aber auch wohl bekannt und sehr gesucht waren. Wer in den neuen Läden der eigentlich Verlierende sein wird, lässt sich schwer sagen; man nimmt aber an, dass die zur Schau gestellten Prachtstücke selten dem Eigentümer, sondern meist seinen Gläubigern gehören werden. Kredit wäre also in dieser Beziehung noch vorhanden, gleichwie in den jüngeren Kolonien, wo der Schwindel mit den allerkühnsten Spekulationen Hand in Hand geht, und wer nur wagt, auch Kredit hat.

Dass jene großen Modehandlungen und Etablissements sich nicht einmal bis zur eigentlichen Weihnachtszeit halten können, in die auch der eigentliche Verdienst fällt, gilt als ein böses Zeichen dessen, was noch bevorsteht. Man klagt allgemein, dass es eine schlechte Weihnacht werden wird, weil jeder bei der Teuerung der Lebensmittel, die natürlich auch die meisten andern Dinge verteuern, sich einschränken muss. Das „jeder“ ist aber nicht streng buchstäblich zu nehmen, denn man sieht auch eine Entfaltung von Kleiderluxus auf den Straßen, welcher dem der Kaufläden die Hand bietet. Es gibt viele, die solches bestreiten können, weit mehr, die es so wenig können, als die Besitzer der letzteren ihre Kristallscheiben und Samtgardinen bezahlen. Wo man es hernimmt, wo borgt, wie darbt, um glänzend zu erscheinen, ist eine Frage, die aus ein anderes Gebiet gehört, ein sehr ernstes, aber keineswegs neues. In Paris gehören die Samtmantillen und Cashemirshawls zur Promenade, und zu Hause eine Kammer, die mit Zugluft und Ratten geteilt wird, zu den täglichen Erscheinungen des Lebens. Man borgt noch immer aus Frankreich, ob doch gesagt ist, dass die Franzosen längst ihr Vorrecht verloren, in der Zivilisation und ihrem Beiwerk die Führer für andere Nationen zu sein. Daher ist die Erscheinung, wenn auch immerhin etwas betrübendes, doch etwas längst dagewesenes, wenn die hungernde Armut draußen an den Feuer und Farbe strahlenden Läden vorüberwandelt. Mit Neid braucht sie nicht hinein zu sehen. Licht sieht sie zwar, aber keine Wärme, keine Wohlhabenheit, keine frohen und keine satten Gesichter. Und vielleicht ahnt sie schon, wie bald das Blatt sich wenden wird, und die jetzt noch Geschmückten und Frisierten drinnen, wie sie draußen frierend und hungernd einher wandeln, stehen und gaffen werden, wer nach ihnen die Lichter anzündet hinter den Kristallscheiben.

So streng die Polizei gegen das Betteln ist, so wächst doch die Zahl der Bettler, die in die Häuser dringen, in erschreckendem Maße. Bettelbriefe, blasse, verkümmerte Gesichter bei einem Anzuge, der an weit bessere Tage erinnert, und dazu die Aussicht, dass das Brot noch um die Hälfte kleiner wird! Die Beilagen der Zeitungen sind dazu ein seltsamer Kontrast. Täglich ein Buch mit der Anpreisung von Waren, an deren Realität niemand zweifelt, wenn nur Käufer da wären. Und doch war den ganzen Sommer hindurch das Vertrauen da, es ist zum Teil noch jetzt da, dass sie Abnehmer finden müssten, sonst hätte man nicht so viel arbeiten lassen, dass es benahe an Händen fehlte, ein Umstand, der die gegenwärtige Not noch nicht so groß, wenigstens nicht so weit verbreitet erscheinen lässt. Die meisten Handwerker hatten Verdienst, haben es noch. Die orientalische Frage hatte, selbst als sie in der Thronrede als ein schwer wiegendes Ereignis hervorgehoben ward, auf die Betriebsamkeit keinen Einfluss geübt, und nur die größeren kaufmännischen Unternehmungen gerieten ins Stocken beim Gedanken an das, „was draußen fern in der Türkei“ geschah.

Und während diese große orientalische Frage sich entwickelte, herrschte bei uns so tiefer Friede, dass die berühmten Marmorgestalten unangefochten ihre hohen Piedestale auf der Schlossbrücke besteigen konnten. Darauf erst entstand Krieg, und welcher Krieg! blutig nicht, aber intensiv genug, und was das üble ist, man muss beiden Teilen gewissermaßen Recht geben. Einstweilen hat man eine Schildwache auf die Brücke stellen müssen, um die nackten Krieger vor den Insulten ihrer Feinde zu schützen. Diese Feinde, welche gar zu gern hier und da eine Spitze geschwärzt oder gar dieselbe abgebrochen hätten, will ich aber durchaus nicht unter der Partei suchen, für welche der Präsident und Deputierte Herr v. Gerlach in diesem Augenblick ein Buch gegen die Marmormänner schreibt. — Wenn man das erste, allgemeine Ausschreien der Prüderen gegen die Ausstellung der nackten Gestalten mitten in dem neufrommen und sittlichen Berlin ins Auge fasst, so möchte ein gebildeter Fremder leicht zum Schlusse kommen, dass es mit unserer Sittlichkeit schlecht bestellt sei. Die fadenscheinige und schon angefressene Tugend verträgt nirgends das nackt und öffentlich ausgestellt zu sehen, was sie leicht verschleiert, im heimlichen Zwielicht gar zu gern sieht, und um einen feierlichen Protest für ihre Sittlichkeit einzulegen, erhebt sie überall ein lautes Geschrei dagegen. Zu diesen Schreiern gehörten hier die ersten Qpponenten, gehören noch heute viel, die Opposition hat aber doch ein nachhaltigeres Fundament. Und wenn es die Sittlichkeit selbst wäre, wir können nun einmal nicht gehen, wie auf den Sandwichsinseln und in Bengalen, wo selbst der fromme anglikanische Bischof Heber sich dermaßen an die nackten Gestalten auf den Straßen gewöhnt hatte, dass ihm zuletzt die bekleideten Muhamedaner und Europäer wie unsittliche Wesen bedünken wollten. Warum denn also uns das Nackte als das Schöne und Wahre, und gerade auf öffentlicher Straße, an den frequentesten Passagen hinstellen? Der Sturm, der Platzregen, der Schnee, die zugefrorene Spree mahnt uns täglich, dass der Himmel den Schafen Wolle, den wilden Tieren Pelze gab, um sie ihnen abzustreifen und uns darein zu hüllen. Man sah nie so viel Pelzröcke als in diesem Winter über die Schlossbrücke gehen. Wie friert uns schon in der Seele beim Anblick der schön gemalten nackten Gestalten in den Schinkelschen Fresken am neuen Museum! Der glutdurchhauchte griechische Himmel erscheint uns gegen den grauen Schneehimmel draußen wie ein Blendwerk. Der schöne, reine Marmor friert freilich nicht, aber wie ganz anders leuchtete er und stach ab gegen den blauen Sommerhorizont, und wie bald wird der Schnee, dann ein feuchtes Grau, Schwarz, dann Moos sich in die Falten der Gewänder, in die Runzeln und Weitungen der Glieder lagern! Man führt die halb und ganz nackten Göttinnen, Götter und Heroengestalten an, die aus Friedrichs Zeit zu Dutzenden und Hunderten in Potsdam, Charlottenburg, im Tiergarten und selbst in Berlin auf Brücken und Plätzen stehen; daran nehme niemand jetzt ein Ärgernis, noch habe man es damals genommen. Erstlich war, was Friedrich tat, wohlgetan; was er dem Publikum als Kunst hinstellte, gaffte es an, ohne es zu verstehen, es bewunderte dasselbe, wenn es so sein musste, und kümmerte sich weiter nicht darum. Man erinnere sich, dass er einmal zu seiner Oper die Zuschauer durch Unteroffiziere eintreiben ließ. Nun sind es im Lauf eines Jahrhunderts antiquierte Dinge geworden; über die etwa anstößige Nacktheit der Gestalten hat die Witterung ein Kleid geworfen, das alle lüsternen Gedanken fern hält. Dann aber sind diese antik sein sollenden Najaden, Dianen, Cyprierinnen mit so französischem Zerrgeschmack in ihrem Gliederbau verschränkt, dass man an etwas Natürliches, Menschliches dabei nicht denkt; das Volk nennt die Statuen mit richtigem Takt Puppen. Endlich, wenn es auch wirkliche Antiken wären, so glättet der antike Meißel in seiner idealen Behandlung vieles hinweg, wo unsere Kunst das anatomische Studium nicht verleugnen zu dürfen glaubt. Die Kriegerstatuen unserer Künstler sind, so schön sie sein mögen, zu wahr, zu natürlich, mit zu muskulöser Spannkraft aus dem Stein gehauen. Man meint, diese vollkräftigen und vollsaftigen Jugendgestalten seien nur eben aus dem warmen Bett gesprungen und verlangten in innerer Hitze nach dem Bade in frischer Morgenlust. Sie sind nicht Symbole, sie sind wahrhafte Menschen; und daher der Anstoß: für solche fordert das Gefühl ein Kostüm.

Wir sprängen aber gern auch über diese Rücksicht hinweg, wenn eine innere Notwendigkeit, wenn nur eine von den Umständen unterstützte Anforderung da gewesen wäre, die nackten Krieger, wie sie sind, zu bilden und auf jene Brücke zu stellen. Man sagt einerseits, die kunstfördernde Regierung zweier Könige habe nun genug getan, indem sie durch Anfertigung so vieler Statuen berühmter Feldherrn die Kunst der Historie und dem Patriotismus dienen lassen; nun sei es an ihr gewesen, die Kunst einmal für sich selbst, zu ihrer eigenen Befriedigung walten und schaffen zu lassen; nach den vielen Porträts habe es gegolten, um die Kunst nicht einseitig werden zu lassen, sich in der Allegorie, im Symbol zu zeigen. Dies einstweilen zugegeben, so fragt sich: warum stellte man diese reinen Kunstschöpfungen nicht in die Nähe des Museums, auf den Lustgarten, wo Platz für sie in Fülle war, wo man sie mit vollkommener Behaglichkeit beschauen könnte, warum in eine verhältnismäßig enge Passage, wo eine beständige Strömung Hin- und Hergehender und Fahrender ist, wo die Brücke zuweilen, um die Masten durchzulassen, ausgezogen werden muss, wo ringsum so viele besehenswerte Gegenstände sind, dass zu einer reinen Kunstbetrachtung der Platz am wenigsten angetan ist? Warum endlich, abgesehen davon, auf eine Brücke, welche die beiden historischen Teile Berlins verbindet, wo hüben und drüben die fertigen und unfertigen Werke, die ganze Geschichte der Hohenzollern sich repräsentieren? Hier am Ausgang das alte Hohenzollernschloss, unter den ersten Markgrafen der Familie als Zwing-Berlin und Köln, später unter dem Großen Kurfürsten in friedlichem Geiste von Schlüter und andern in einer Erhabenheit ausgebaut, die schon von weltgeschichtlichen Ausgaben der Dynastie spricht, und dort am Anfang der Linden das Brandenburger Tor mit seinen Propyläen und der berühmten Quadriga darauf. Dazwischen ist jedes Gebäude, jeder Schritt, möchte man sagen, historisch; jetzt Friedrichs ehernes Bild am Ausgang der Linden, ringsum seine Schöpfungen, das Opernhaus, die katholische Hedwigskirche, die wunderliche Bibliothek (auch ein Geschmackszeugnis der Zeit), die Universität, Blücher und die andern Helden des Befreiungskriegs; dann das Symbol des beginnenden preußischen Waffenruhms, das Schlütersche Zeughaus, gegenüber das Palais, in welchem Friedrich Wilhelm III. bürgerlich häuslich bis an sein Ende sich selbst gleich blieb; jenseits der durch seine vielen Wandelungen auch historisch berühmte Lustgarten, und neben dem Schloss der versunkene alte Dom mit den Erbbegräbnissen der Familie, jetzt ein merkwürdiges Zeugnis der jüngsten Geschichte durch seinen seit der Märzrevolution ins Stocken geratenen Umbau zu einem mächtigen Campo santo, welches das unschöne Gebäude einer Zwitterzeit selbst verschlingen sollte. Und die Brücke, welche vom Zeughause zum Schloss führt, welche diese Monumente verbindet, welche vor vierzig Jahren mit den Siegestrophäen geschmückt, durch die festliche Rückkehr des Königs und seines Heeres aus den Befreiungskriegen geweiht ward (wenn es auch nicht mehr dieselben Steine und Balken sind), warum gerade sie zu einer Gallerte allegorischer Bilder, antiker Kriegergestalten ausgewählt, die mit der vaterländischen Geschichte gar nichts gemein haben? Vom Brandenburger Tor, ja noch weiter zurück, von Charlottenburg her bis zum Schloss eine lange Reihe von Monumenten, die von bestimmten Personen, Taten und Zeitepochen sprechen, und in der Mitte wird sie unterbrochen durch Produkte einer künstlerischen Phantaste, aber auf Bestellung gefertigt. Hier hat die vaterländische Kritik ein Recht zur Opposition. Fehlte es an historischen Berühmtheiten, um die leeren Plätze einzunehmen? Gewiss nicht. Es gab sogar noch militärische Berühmtheiten; aber wenn auch diesen genug geopfert wäre, galt Preußen nicht auch für einen Staat der Intelligenz, großer geistiger Berühmtheiten, und hat man diesen nur im Altertum in ihren Geburtsorten, in der Hauptstadt des Reichs Standbilder, Bildsäulen errichtet? Hat nicht jedes Städtchen in Frankreich, Italien, England sich bemüht, die künstlerischen und wissenschaftlichen Größen auf ihren Märkten, in ihren Straßen in Erz oder Marmor für die Nachwelt fortleben zulassen? Wenn nicht große Künstler, Philosophen, Dichter, so hatte Preußen doch große Staatsmänner, die es eben so gut als seine Feldherrn gerettet haben, und wenn man den Genius an sich in solchen historischen Ketten nicht eines Platzes wert hält, so hatten diese Staatsmänner und Gesetzgeber ein unverjährbares Recht darauf, ja sie waren die von selbst gebotenen Schlussglieder der historischen Kette, von dem Kanzler Lamprecht Distelmeier an, der das märkische Gesetzbuch schrieb, die Constitutio Sanchionica, bis zu Stein und Hardenberg herab. — Hier liegt der Stein des Anstoßes. Diesen Geistern will man die Ehre nicht gewähren, darum stellte man Allegorien hin.

Das Nichtdasein ihrer Standbilder, diese nur zu auffällige Negation wirkt aber umgekehrt, positiv; man sieht sie um so deutlicher, weil sie nicht da sind.

Die Künstler darf man nicht befragen. Sie stehen in Reih und Glied geschart gegen die Puritaner, Orthodoxen und Patrioten beiderlei Stils; es gibt für sie keine höhere Aufgabe des Staates, auch des gegenwärtigen, als sich ganz der Kunstinspiration, wie er hier getan, zu überlassen. Was gilt die Rücksicht auf Zeit und Umstände, wenn den reinen Kunstforderungen Genüge geschieht? Die Glücklichen! — Und doch wollen einige auch in diesen Kunstproduktionen eine Absicht merken. Gegenstand ist das Kriegerleben von der ersten Waffenübung bis zum Ehrentode; alle Gestalten sind ohne Montur, und darin will man das Prinzip der Freiheit ausgestellt erblicken. Aber in allen sechs Gruppen steht, oder wird der Krieger nie allein stehen; immer als Mentor, Lehrmeister, Regulator steht neben ihm Pallas Athene oder die Vielen unbekannte Nike. Darin will man die Weihe der Disziplin entdecken: ein guter Soldat soll nie, auch als Sieger, auch im Tode, für sich selbst stehen, für sich handeln. Dass hier ein berühmter Bierwirt Nike heißt, dem Publikum daher bekannter ist als die Siegesgöttin, hat den Gruppen zu Anfang mehr Eintrag getan als die sittliche und die kirchliche Opposition. Übrigens werden die marmornen Krieger stehen bleiben, trotz der Gerlachschen Brochüre, trotz dem beleidigten Sittlichkeitsgefühl, ja auch der allermisslichsten Opposition zum Trotz, dass man diese sehr teuren Kunstwerke unglücklicherweise in einem schweren Hungerjahre aufrichten musste; man wird ihnen auch nicht, wie in Rom, ein Schurzfell umhängen, denn sie sind ein fait accompli, und das Gerede wird verstummen, und darum gewiss die Sittlichkeit der Stadt keinen Schaden leiden.

Auch der Neubau mehrerer Kirchen steht bevor, und die große Wasserversorgungsanstalt nimmt ihren stillen Fortgang; alles dieses und noch verschiedenes andere unbehindert von der orientalischen Frage. Dagegen gerät unsere gute Stadt täglich in neue Kollisionen mit dem Polizeipräsidium, und kaum ist eine Fehde durch einen Richterspruch der Regierung oder des Ministeriums geschlossen, immer zum Nachteil der Stadt, so ist eine andere, schon wieder im Ausbrechen, und Magistrat und Stadtverordnete können gewiss sein, dass sie am Schluss den Kürzeren ziehen. Wären beide Kollegien nicht jetzt so gutmütige, folgsame und geduldige Corpora, die nichts tun, sprechen und denken als Dinge, die ihre vollständige Devotion und ihr Leidwesen ausdrücken, dass es einmal einen März in Berlin gegeben hat, so könnte man auf die Vermutung kommen, dass man sie nur um deswillen so derb schüttle, um ihnen die Lust an aller Selbstregierung zu nehmen. Aber sie fügen sich in alles; sie hatten durchaus keine Lust den großen Kirchentag zu bekomplimentieren, weil sie heute noch so gerne wie ehedem den Deutschkatholiken eine Unterstützung gewährten, aber sie haben ihn bekomplimentiert, sie haben ihm Geld gegeben, sie haben sich sogar um Eintrittskarten gezankt; sie gaben Zuschüsse zu Kirchenbauten, sie entschlossen sich selbst neue Kirchen zu bauen, obgleich sie noch kürzlich meinten, es seien genug für Berlin da. Sie tun, wie gesagt, alles, aber wollen nur nicht zu viel geben; denn zum wirklichen Opfern gehört mehr als der Trieb zu gehorchen; es ist ein moralischer Impuls nötig, den niemand jetzt fordern wird. Gegenwärtig ist ein erneuter Streit zwischen den beiden Faktoren ausgebrochen über die Straßenreinigung. Die Geschichte mit allen ihren Verzweigungen, Fäden, Fasern und Ausläufern würde wenige außerhalb der Stadt interessieren, aber da die Polizei, wegen einer bestrittenen Forderung, der Stadt das Reinigungsgeschäft, das sie mit der Feuerlöschanstalt verbunden geübt, gekündigt hat, die Stadt aber große Unlust zeigt, jenes allein zurück zu nehmen, so sind wir in Gefahr von Neujahr ab in Schnee oder Schmutz zu ersticken. Es wird sich indes schon ein Auskunftsmittel zeigen.

Die Luft wird auch schon rein werden, wie die Straßen; daran glaubt die Börse, und ihr Glaube hat guten Grund und Boden, wo alle Elastizität fehlt, um Größeres zu unternehmen als Feuerlöschanstalten und Überrieselungssysteme. Unserer Universität fehlt ein Philosoph seit Gablers Tode. Eigentlich ist die Frage: wozu braucht man denn, wie die Dinge stehen, einen Philosophen? Es ist nun einmal altes Gewohnheitsrecht, und er steht auf dem Etat, also wird man vom alten Rechtszustande nicht abweichen. Wen man auch wählt, ein Staatsphilosoph, wie es Hegel war, und Schelling einmal dazu destiniert war, wird es nicht werden. Im Theater ist es auch wieder auf das alle Gewohnheitsrecht zurückgegangen. Herr von Hülsen übernahm, wie verlautete, die Direktion, um die Fabrikware zu verdrängen, die Bretter zu „entbirchpfeifern“ und Poesie und Elastizität zurückzuführen. Für diesen Winter herrscht wieder die Birch-Pfeifer. Ihre Waise von Lowood entlockt Tränenströme. Nach den einen hat sie den schlechten englischen Roman etwas verbessert, nach den andern bezeichnet ihr Drama wieder eine bedeutende Stufe auf der Verfallsleiter unserer dramatischen Kunst. Vom Nichterlaubtsein ist nicht mehr die Rede, man fragt nur: ist das möglich? Es sei die unterste Stufe, wohin die Kunst, die noch mit edeln Mitteln spielt, hinabsinken könne. Das hat man oft gesagt; es wird schon noch tiefere geben, und solche, die Lust haben hinabzusteigen, auch. Erfreulich ist aus dem Kindertheater, das zur Weihnachtszeit im Konzertsaal des Schauspielhauses sich lustig macht, eine kleine Pepita, ein sehr lustiger Aarlequin und ein großer Nikolas, der alle dramatis personae — diesmal nur die Kleinen auf den Brettern — ins Tintenfass steckt und dann schwarz herauszieht.

Von den Romanen, die zur Winterlektüre vorliegen, zeichnen sich drei durch die Teilnahme aus, die sie erregen. Theodor Mügges „Afraja“, ein kräftiges Bild aus der norwegischen Natur, welche der Verfasser, so wie ihre Menschen, genau kennt. Als Anfangspunkt des neuen Unternehmens in Frankfurt a. M. eine wohlfeile Bibliothek von deutschen Originalromanen zu begründen, welche endlich die wohlfeilen Übersetzungen der schlechten oder doch zu leicht wiegenden englischen und französischen Romane, wenn nicht aus den Leihbibliotheken verdrängen, doch bei Seite schieben sollen, ist ihm besonders ein günstiger Erfolg zu wünschen. Ein hier bei Veit erschienener Roman: „Zwei Tanten“, von einer noch ungenannten Schriftstellerin aus Wien, fängt an die Aufmerksamkeit anzuziehen. Es ist ein altes Thema, aber es bleibt ewig neu; die Verfasserin wird als eine der geistreichsten Damen gerühmt und es ist eine Dichtung, die aus innerem Bedürfnis entsprungen ist. Die „Wandlungen“ von Fanny Lewald, ein Roman aus dem neuesten sozialen Leben, wird von der Lesewelt, d. h. also zuerst von den Damen, verschlungen. Die Urteile lauten sehr verschieden, kommen aber ziemlich auf einem Punkt zusammen. Ein ungemein interessanter Anfang, ein kräftiger, kerniger Stil, in dem man kaum die Schriftstellerin erkennt, treffende Schilderungen und Bemerkungen, alsdann aber ein so buntes Kreuz und Quer, Lieben und Heiraten, dass eine soziale Welt, wenn sie überall so wäre, nicht bestehen könnte. Man bestreitet nicht die Wahrheit so kranker Verhältnisse, aber das, dass sie in der Art an einem Ort, in gewissen geschlossenen Familienkreisen, sich so kumulieren können; man beklagt, dass für die Masse kranker zu wenig gesunde Personen eintreten und die gesunden nicht mehr innere Bedeutung im Verhältnis zu den Kranken haben. Man geht ohne Befriedigung fort, und doch ist das Urteil übereinstimmend, dass diese Wandlungen die gediegenste Arbeit der Verfasserin seien, gewürzt durch viele unverkennbare Porträts, namentlich das des Königsberger Jacoby. — Im Erscheinen ist eben W. Alexis neuester historischer Roman: „Isegrimm“, eine Fortsetzung, oder vielmehr historische Folge des „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“, aber mit besseren Menschen und lichteren Seiten und Hinausblicken in die Zukunft.