mein-berlin.jpg

Manifest der Vielen

Jasmin RamadanEndlich ein Anti Sarrazin-Buch

Das Schweigen der vom blöden Populismus genervtKübra Gümüsayen Klugen hilft nicht –Feridun Zaimoglu Eine Antwort muss her –Yasemin Karakasoglu Hier ist sie: Das Manifest der VielenHatice Akyün

Navid Kermani - Foto Ben Richter29 AutorInnen buntesteSineb El MasrarrCover des Buches Herkunft haben ihre Stifte erhoben, um gegen den Medien-Hype um Sarrazin ein Gegenwicht in die publizistischeC. Schmidt - Autor dieses Beitrags Waagschale zu legen. Und es wiegt!

Die HerausgAylin Selcukeberin Hilal Sezgin hat bekannte Schriftsteller, Blogger und politisch Ilija Trojanow - Foto Thomas DornAktive wie Feridun Zaimoglu, Hatice Akyün, Naika Foroutan und Ilija Trojanow um ein Statement gebeten gegen „Deutschland schafft sich ab“ – unter dem Motto:

Deutschland erfindet sich neu, Deutschland buchstabiert sich neu!

Das Geleitwort kommt vom Berliner Künstler und Autor Christoph Peters, der sich zur fatalen Rolle der Medien wie dem „Spiegel“ äußert, die angeblich die „breite Meinung des Volkes“ zu Thilo Sarrazins „Thesen“ darstellten, aber dabei nur allzu sensationslüstern auf das Trittbrett der Klassenschelte sprangen.

So bunt wie die u. a. aus dem Iran, Afghanistan, der Türkei, Athen, Gladbeck, Köln, Berlin oder Duisburg „wurzelnden“ AutorInnen, so erfrischend durch geweht wird man als Leser von unterschiedlichsten Ansätzen zur monatelangen „Integrations-Debatte“.

Vielfach liest man, wie gut der Ausspruch vom Bundespräsidenten Wulff tat, der sagte:

„Wenn mir deutsche Musliminnen und Muslime schreiben: Sie sind unser Präsident? – dann antworte ich aus vollem Herzen: Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident!“

Angeblich will die Mehrheit der Deutschen an diese Aussage immer noch nicht heran bzw. unterstützt sie nicht, aber es sind endlich einmal klare Worte eines Staatsoberhauptes.

Dass der „Islam auch Teil von Deutschland ist“, können noch weniger Menschen verdauen, wohl aber die „christlich-jüdische Tradition“ in Deutschland.

Dazu schreibt in seinem Beitrag Aiman Mazyek, wie sehr arabische und muslimische Händler und Intellektuelle selbstverständlich nicht nur Gewürze, Schmuck und übersetzten Aristoteles zu uns brachten, sondern sehr wohl auf dem Balkan, in Spanien, Polen und Sizilien Jahrhunderte der europäischen Geschichte mitprägten.

Außerdem fanden es einige jüdische Intellektuelle zynisch, dass sich komischerweise 1700 Jahre lang keine Heines, Einsteins und Tucholskys über die Betonung dieser christlich-jüdischen Tradition äußerten.

Und so wie viele in der Krise DEN Einen faulen, Schulden machenden Griechen als Sündenbock gezeigt bekommen, so zeigt man vielfach nachwievor DEN Türken und DEN Muslim in den Debatten, und dagegen wehren sich quasi alle AutorInnen vom „Manifest der Vielen“.

Hierzu benutzt z. B. Riem Spielhaus den Begriff „kollektive Identität“ von R. Jenkins und zeigt, wie wenig es DEN Bremer, DEN Muslim und DEN Deutschen gibt.
Die Autoren schreiben „mit bewaffnetem Zungenklirren“ laut Ilija Trojanow, wie wenig bildungsfern und wie sehr integrativ sie aufwuchsen, und fragen mit Ferdos Foroustan: „Was sollen wir denn  noch machen? … Für euch sind wir nie einzelne Menschen, sondern immer nur Masse“.

Aber nicht so sehr eine passive Haltung wird angenommen, sondern vorrangig die selbstbewusste, offene und aufrechte. Naika Foroutan spricht das gekränkte, narzisstische deutsche Seel-chen an, dem alle Nationen auf die Finger hauen, sobald sie auch nur das Adjektiv „deutsch“ sagen oder das Substantiv „Heimat“ sagen. Keiner der AutorInnen hat irgendein Problem damit, Bremen, Duisburg oder Köln als seine oder ihre Heimat zu bezeichnen, und so wird über Menschen vermutet, die schnell mit Urteilen über „Fremde“ sind:

„Wenn Sie schon nicht mehr sagen dürfen, was deutsch ist, wollen sie wenigstens sagen können, was es ihrer Meinung nach nicht ist und auch nicht sein soll. Die Konstruktion des genuin anderen dient dabei als Räuberleiter, um auf der anderen Seite die verlorene nationale Identität wiederzufinden.“

Worin sich ebenfalls vor allem die weiblichen Autoren einig sind, ist, dass sie es sich nicht in der Opfer-Rolle und Mitleid-Jammers gemütlich machen wollen, wie Kübra Gümüsay schreibt. Im Gegenteil warnen die Frauen um Mely Kiyak davor, dass sich Alice Schwarzer bereit erklärt, jede einzelne mit einer Feuerleiter in Windeseile aus der patriarchalen Umklammerung des Islam zu befreien.

Die Autorinnen wie Hatice Akyün denken sogar ans Auswandern. Sie sind müde, auf Vorträgen mit wilden Koranstellen konfrontiert zu werden, von wildfremden Menschen Tabellen zu Religions-Vergleichen (typisch Deutsch) zu empfangen oder Zwangsheirat zu erklären.

Für Letzteres hat Ekrem Senol einen Tipp: „Lernen Sie daher, wenn es die Situation erlaubt, Vorurteile in überspitzter Form zu bestätigen“. So antwortete er einer Dame, die ihn fragte, ob er auch zwangsverheiratet sei: „Ja, mit all meinen Bräuten. Die anderen drei habe ich aber in Deutschland gelassen“.

Im Kern wird im „Manifest der Vielen“ auch immer wieder davor gewarnt, Islam-Kritik falsch zu verstehen. Wenn man sich jedes der heiligen Bücher nimmt, vom Alten Testament, der Thora oder dem Koran, wird man überall blutrünstige Stellen finden, wo – immerhin der gleiche Gott Abrahams resp. Ibrahims – Menschenopfer fordert, ganze Völker vernichtet, nur Noahs Familie rechtzeitig vor der Flut „Bescheid gibt“ usw.

Jedoch von „buchstäblichen Stellen“ der Bibel, die jeder Katholik täglich in Deutschland befolgt – redet im Fernsehen komischerweise niemand. Man soll also aufpassen, was hier geschieht. Der „Spiegel“ darf ungestraft auf dem Titelblatt schreiben „Koran – Das mächtigste Buch der Welt“ und die Chefredakteure sitzen feist auf durchgesessenen Talk-Show Couchen und prahlen von sich als großer Macht im Staat.

Die Verschiebung der Realitäten ist ein Hauptproblem, und man muss einfach mal erwähnen, dass jedes Jahr 10.000 Türken MEHR das Land verlassen als einwandern. Fast 50 % der Akademiker türkischer Herkunft halten es in Deutschland – dem Land der Dichter und Denker – nicht aus und ziehen weg. Gegen die ständigen bräunlichen Seehofer-Sprüche vom „vollen Boot“ und „Überfremdung“, muss man das einfach mal sagen!

Und so wie es der jüdischen Minderheit, die 1930 kaum 1 % der Bevölkerung ausmachte, vor wenigen Jahrzehnten grauselig wurde, so wird es nun immer wieder der muslimischen. Aber, so wird in dem Buch angemahnt, nicht Deutsche haben Juden ermordet, sondern „Deutsche haben Deutsche ermordet“, denn die meisten Juden waren gut „integriert“. Nur so vergleicht man öffentlich selten.

Vielen Deutschen fehlt demnach der Mut, das Individuum zu sehen, den Menschen.

Staatdessen hörten Menschen Myesser Ildem sagen: „Ich bin in Delmenhorst geboren“ und entblödeten sich nicht, danach zu fragen „Und davor?“ – Sie nennt es „meine pränatale Migration“.

Die AutorInnen rufen dazu auf, Fakten zu erkennen, wie etwa Pegah Ferydoni, die nebenbei erwähnt, dass nicht einmal Millionen von Ostdeutschen integriert sind bzw. man ihre Integration zulässt, in einem Land, wo nach 21 Jahren Wiedervereinigung 70 % der Westdeutschen noch nie in Ostdeutschland waren – unser aller Papst (bis jetzt) eingeschlossen!

Gerade quere, schräge Gedanken braucht nach den Manifest-Autoren das Land, wie etwa den Gedanken, das Kopftuch als Zeichen FÜR Integration zu begreifen.

Eben weil man in Deutschland diese Kleidung tragen DARF, ist es ein Bekenntnis der Trägerinnen zum Land, dessen Pass sie stolzer besitzen als viele Deutsche es träumen können.

Solche Dinge helfen zum Umdenken.

Hetzende, auf Arme und Minderheiten ausgerichtete Parolen brauchen wir nicht mehr, und viele der barschen Autoren um Sarrazin sollten Geltungssucht und Geld darüber im Halse stecken bleiben, wenn sie wüssten, dass Tausende ihrer zahlenden Leser applaudierende Neonazis sind. Klasse, super gemacht!
Die Vielfalt ist ein Kennzeichen von Deutschland – das IMMER zu allen Jahrhunderten ein Ein- und Durch-wanderungsland war. Das weiß jeder, der mehr als drei Mal beim Geschichtsunterricht in der 7. Klasse war.

Bir dil, bir insan, iki dil, iki insan
Eine Sprache, ein Mensch – viele Sprachen, viele Menschen.

Hatice Akyün zitiert dieses türkische Sprichwort. Sie fälschte als Mädchen die Unterschrift ihres Vaters, um an einen Bibliotheksausweis zu kommen. Wenn der Bücher-Bus kam, lieh sie so viel aus, wie sie tragen konnte. Klingt nicht nach bildungsfern. Welch schallende Ohrfeige für viele, die es sich einfach anders vorstellen wollen!

Das Manifest ist ein wichtiges, erfrischendes Buch, das hoffentlich ein paar Millionen Menschen lesen, deren Tellerrand bis zum Jäger-Gartenzaun und zurück reicht.

Auf der einen Seite ist es eine Schande, dass es nicht 29 „deutsche“ AutorInnen waren, die solch ein Manifest schrieben. Auf der anderen Seite hätten es diese 29 nicht besser zeigen können, wie selbstbewusst sie es auch allein können!

Hervorragend lässt sich schließen mit dem Zitat, was Imran Ayata in seinem Beitrag hinterließ:

„Scheiß doch der Hund drauf. Sarrazin kommt und geht. Wir bleiben.“

PS: Und – Werter Hagen Rether – nein, wir vergessen nicht, dass Sie schon Jahre vorher gewarnt haben vor der Eskalation solcher Medien-Debatten – bei Ihrem Spiel des Jahres – „Schlag den Moslem“, mit den Worten:

„Wehe uns, wenn hier demnächst die Döner-Buden brennen. Dann will´s wieder keiner gewesen sein.“

Mit dem langweiligsten deutschen Namen unterschreibe ich, alles andere als gelangweilt:

Carsten Schmidt


Mail: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.