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Angeklagte: Name? Name? Sie meenen woll, wie ick heeße?

Richter noch lauter: Name?

Angeklagte: Na ja doch, Dorothee Meiern, geborene Schultzen, verehelicht gewesene Müllern.

Richter: Stand?

Angeklagte: Handelsfrau mit Eppel un Bücklinge.

Richter: Alter?

Angeklagte: Is dod, schon sehre lange dodig.

Richter: Wie alt Sie sind, will ich wissen.

Angeklagte: Ach Jott, wie alt ick bin, nu det hätten Se gleich sagen können, dann hätten wir uns verstanden. Ick bin 53 alt, vorigen Ersten war mein Geburtsdag. Sehr fidel son Geburtsdag, sehr fidel.

Der Polizeianwalt unterbricht diese Rede, indem er vorträgt, daß die Angeklagte mit ihrer Karre sich mitten auf der Straße niedergelassen hat, und trägt darauf an, sie in eine Geldstrafe von 15 Sgr. zu nehmen.

Richter: Ist dies richtig, oder was haben Sie dagegen anzuführen?

Angeklagte: Na natürlich is et richtig, wat soll denn dadran nich richtig sind. Woll hab ick mir niedergelassen, wovor habe ick denn müde Beene, wenn ick mir nich setzen sollte, wo ick bin. Setzen Sie sich nich, wenn Se müde sind? Loofen Se mal den ganzen Dag mit de Karre rum, un schreien Se sich die Kehle aus, ob Se denn nich och müde sind, un sich hinsetzen, wo Ihre Großmutter sich hingesetzt hat, wie se Braut war. Ruhe is de erste Bürgerpflicht, dadrum befleißige ick mir derselftigten, wo ick kann. In einen civileßirten Staat sind och de Damens ruhig.

Richter: Sie sollen aber einen festen Platz eingenommen und dort verkauft haben!

Angeklagte: Wat? verkooft hab ick? Nu natürlich hab ick verkooft, und da derzu musste ick doch en’ festen Standpunkt haben. Sagen Se mal, können Sie vielleicht in Rennen verkoofen? Na, na, sehen Se, ick och nich. Ick muss mir och dabei halten lassen, un so wird et woll jeden zehn. In Loofen kann ick nischt machen, sondern wenn een Mensch kommt, un meine delikaten Bücklinge, 12 vorn Groschen, scheene Ware, sage ick Ihnen, koofen will, denn halt ick an un suche de Besten aus, un det kost natürlich Zeit. Na wenn ick det nich kann, denn dank ick vor de Hökerei, denn kann verkoofen wer will, denn wollen wir doch mal sehen, wat draus werden wird.

Richter: Es muss bei der Strafe verbleiben, Sie haben alles Nötige zugestanden, und können gehen.

Angeklagte: Wat, ick soll Strafe zahlen, ick habe zugestanden, na hören Se mal, wenn Se deß vorn Geständnis halten, denn dauern Se mir. Ick zahle nich, un wenn mir een Excuter in meine vier Fähle kommt, denn kann er man immer sehen, wo der Zimmermann det Loch gelassen hat. I, da müsste ja der Deibel drin sitzen, geroocht kann uf die Straße werden, un nich mal en festen Standpunkt soll man fassen können, wovor haben wir denn die Revolution gehabt? (Sie verlässt wütend den Saal.)