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So hatte einst ein Weib lange Zeit die Wiederkunft ihres Sohnes, der nach Dänemark gereist war, vergeblich erwartet; endlich befragte sie einen Wahrsager darüber, und von diesem erfuhr sie durch jene Versuche mit Wachs, dass ihr Sohn Schiffbruch gelitten und im Meere seinen Tod gefunden habe. Denn als der Wahrsager das geschmolzene Wachs aufs Wasser goss, bildete dasselbe die Figur eines zerbrochenen Schiffes und eines auf den Rücken liegendes, und bei dem Schiffe schwimmenden Menschen. Ein ähnlicher, eben so lächerlicher Aberglaube findet noch heut zu Tage unter dem gemeinen Manne statt, welcher am Neujahrstage geschmolznes Blei in Wasser gießt, nur aus den entstehenden Figuren weissagt, ob er oder ein anderer, in diesem Jahre sterben wird. Indessen handelt nicht allein der gemeine Mann so aberwitzig; ich habe diese Torheit auch von empfindsamen Seelen gesehen, die den Siegwart und Werthers Leiden zehnmal gelesen hatten, und bei dem Anblick des Mondes oder eines Veilchens in Tränen zerflossen.