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Diese gaben aber der Tochter keine Aussteuer mit, sondern der Bräutigam musste vielmehr seinen künftigen Schwiegervater ein gewisses Heiratsgut zahlen und seine Frau gleichsam von ihm erkaufen. Bei den Hochzeiten selbst wurden gewöhnlich, wenigstens bei den Vornehmern, folgende Zeremonien beobachtet. Ehe die Braut nach dem Hause ihres künftigen Mannes hingeführt wurde, pflegte sie alle ihre Anverwandte zu einem Gastmahle einzuladen. Wenn die Mahlzeit vorbei war, bat sie die Gäste, mit ihr ihre Jungfrauschaft zu beweinen;**) ließen sich diese dazu willig finden, so fing sie ihr Klagelied mit großer Wehmut an, und schrie jammernd ungefähr folgende Worte:

„Wer, wer, wird nun inskünftige meinem Vater und meiner Mutter das Bett machen? Wer wird nun ihre Füße waschen? Mein liebstes Hündchen! Mein liebstes Hühnchen! Mein liebstes Schweinchen u. s. f. wer wird euch inskünftige speisen?“ ***)


*) Hierin stimmen ihre Nachkommen noch zuweilen mit ihnen überein, nur dass das Verführen noch häufiger ist als das Entführen.

**) Dies war bloße Zeremonie, wie eben bemerkt ist, und findet als solche noch heut zu Tage statt.

***) Meine schönen Leserinnen bitt' ich, wenn sie nicht Vapeurs [fr. Dampf. (zu Großmutters Zeiten:) Dämpfe, die vom Blut zum Gehirn aufsteigen und Schwindel bewirken, Blähungen; Grillen, Hysterie] bekommen wollen, diese ganze Stelle ungelesen zu lassen. Bewahre der Himmel! Wenn dies die Zeremonien waren, welche bei den Hochzeiten der Vornehmeren statt fanden; daraus folgt, dass die jungen Damen von Stande ihren Ältern das Bette und ihnen wohl gar nötigenfalls die Füße? — Dank sey es der Aufklärung und der daraus erfolgten Verfeinerung der Sitten und des Geschmacks! so tief lässt sich heut zu Tage das gemeinste Mädchen nicht zu ihren Ältern herab. Und nun gar dies Hühnchen, und Schweinchen — o abscheulich! abscheulich! Wenn sich die jungen Damen damals so genau ums Detail der Wirtschaft bekümmerten, wo nahmen sie denn die Zeit zur Toilette her?


Hierauf führten die Freunde die Braut zu dem Herd; da fing sie dann wieder auf eine nämliche Weise zu klagen an:

„Mein liebes heiliges Feuer! wer wird dir inskünftige Holz zutragen, damit der Vater und die Mutter ihre alten abgelebten Glieder durch deine Wärme erquicken? Wer wird dir in der Folge hüten und bewahren?“

Die Verwandte klagten und weinten zwar mit ihr, suchten sie aber doch wieder zu trösten. Unterdessen schickte ihr der Bräutigam einen Wagen, auf dem sie in die Gegend, wo dieser wohnte, hingefahren wurde. Wenn sie sich der Grenze seiner Wohnung näherte, so kam ihr jemand entgegen, welcher in der einen Hand einen Feuerbrand, in der andern aber eine Kanne mit Bier hatte. Er rannte dreimal um den Wagen herum und sprach:

„wie du das Feuer bei deinem Vater bewahret hast, so wirst du es auch hier tun!“

und darauf gab er ihr zu trinken. Der Fuhrmann der Braut war gut angekleidet: wenn er vor das Haus des Bräutigams kam, stürzte er sich wild von dem Pferde herunter, und während dass die Gäste schrieen: „Der Wagentreiber kommt, der Wagentreiber kommt! — lief er ins Haus, und setzte sich mit Einem Sprung auf einen Stuhl, der bei der Tür stand und mit einem Kissen oder Tuch bedeckt war. Falls er aber nicht mit Einem Sprung auf den Stuhl kam, so ward er graulich durchgeprügelt und zu einer andern Tür hinausgeworfen. Sprang er hingegen gerade herauf, so saß er so lange bis die Braut herein kam; alsdann wurde diese darauf gesetzt. Hierauf wurde getrunken, und hiernächst die Braut um den Herd geführt. Sodann wusch man ihr die Füße und mit diesem Wasser besprengte man die Gäste, das Brautbett, das Vieh und das ganze Haus. War dies geschehen, so band man der Braut die Augen zu, schmierte den Mund derselben mit Honig, und führte sie vor alle Türen im Hofe, wobei der Führer sagte: Stoß an. Hatte sie dies mit dem Fuße getan, so kam jemand mit einem Sacke, worin allerlei Getreide war, heraus, beschüttete damit die Braut, und sprach:

„Unsere Götter werden dir alles in Überfluss geben, wann du nur in dem Glauben, in welchem deine Vorfahren gestorben sind, bleiben, und deiner Haushaltung mit allem Fleiße und gebührender Sorgfalt vorstehen wirst.“

Hierauf ward gegessen und getrunken. Ehe die Braut zu Bette gieng, schnitt ihr ein Freund die Haarlocken ab, die Frauen aber setzten ihr einen breiten Kranz auf, welcher mit einem weißen Tuche benähet war. Diesen Kranz musste sie tragen, bis sie einen Sohn gebar. Indem man ihr denselben aufsetzte, ward ihr gesagt:

„Die Mädchen die du trägest, sind von deinem Fleisch, bringest du aber einen Knaben zur Welt, so ist die Jungfrauschaft aus.“

Am Ende wurde sie zu Bette geprügelt; worauf man ihr und den Bräutigam gebratene Nieren von Böcken, Ochsen oder Bären ins Bett brachte. Zuletzt wurde die Braut noch von vornehmen Weibern belehrt und unterrichtet,*) und des andern Morgens alles übrig gebliebene vollends verzehrt.

*) Unter andern in solchen Dingen, welche heut zu Tage keinem zwölfjährigen Mädchen mehr unbekannt sind. So unwissend war man in jenen rohen Zeiten!