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Außer einem sehr hellen Verstand, sehr großen Einsichten; und Vielen gelehrten Kenntnissen, hatte sie noch andere höchst schätzbare Eigenschaften. Sie war die Freundin Leibnitzens- und Tolands. Sie bewog ihren Gemahl, die Akademie der Wissenschaften zu Berlin zu stiften; sie beförderte das Theater, die Musik, die Malerei, die Baukunst, und überhaupt alle Wissenschaften und Künste. *) Der Hr. G. R. Erman zu Berlin hat in den drei Memoiren seiner Eloge historique de Sophie Charlotte. Hr. O. K. R. Hering zu Breslau, in seinen Merkwürdigkeiten aus der Brandenburgischen Geschichte, und der Verfasser des vaterländisch-historischen Taschenbuchs **) die seltenen Verdienste dieser Königin so umständlich auseinandergesetzt, dass jede andere Lobrede den Verdacht einer wörtlichen Nacherzählung erregen könnte.

Fast ein halbes Jahrhundert lang war man in der irrigen Meinung, die bekannte Gräfin von Wartenberg sei die Maitresse Friedrichs des I. gewesen, und habe also dieser würdigen Königin den Besitz seines Herzens streitig gemacht. Hr. Fr. Nicolai ***) gibt uns aber über diesen Vorwurf einen Aufschluss, der um so erfreulicher ist, als er uns zugleich am Anfange und Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein Königspaar auf dem Throne erblicken lässt, welches sich durch die strengste eheliche Sittlichkeit auszeichnet. Nur die Eitelkeit, Ludwig dem XIV. K. v. Fr. in allen Hofbedienungen, und folglich auch in der Hofcharge einer Mätresse nachzuahmen, konnte den bekanntlich sehr religiösen Friedrich den I. zu diesem Schritte verleiten, an welchem sein Herz zwar keinen Anteil hatte, der aber in den Augen der Welt nicht so ganz gleichgültig war.

*) S. neue Berlinische Monatsschrift, Dezember1799.
**) Königsberg bei Nicolovius 1802
***) Dieselbe Monatsschrift, Dezember 1799.


Der Verfasser der Denkwürdigkeiten der Brandenburgischen Geschichte schreibt mit Recht die Einheit und Anmut, welche in den Werken des gleichzeitigen Dichters Canitz herrschet, dem Umgange an dem Hofe dieser Königin zu, der von dem Hofe des Königs sehr verschieden war, und sich zu diesem, wie der stille Sitz der Musen zu dem geräuschvollen Schauplatze der Kriegsgötter verhielt. Durch ihre frühere Reisen in Italien und Frankreich gebildet, konnte die Königin der damaligen Deutschen Schaubühne keinen Geschmack abgewinnen; die Tragödie war ein Ungeheuer, und das Lustspiel unter aller Kritik; sie unterhielt also italienische Opern, welche der berühmte Bonomhini in Musik setzte, und eine Truppe französischer Schauspieler, die die Meisterstücke des Moliere, Corneille und Racine aufführten.

Ihr Gemahl, ein leidenschaftlicher Verehrer des französischen Tons, störte sie weder in dieser Liebhaberei, noch indem Umgange mit Gelehrten, deren Sammelplatz sie vorzüglich in Charlottenburg aufgeschlagen hatte. Alles, was die Königin umgab, richtete sich nach dem französischen Geschmacke und die Mutter des Dichters von Canitz schmachtete sogar nach einem unbekannten Bräutigam aus Paris, Herrn von Brinboc. Durch einen Kaufmann, an den sie sich wandte, wie eine Galanterieware verschrieben, kam er auf Freiersfüßen nach Berlin, leider aber schon ganz aus der Mode; die Braut sah ihn, entsetzte sich über den fünfzigjährigen, kränkelnden Ritter, und gab ihm doch ihre Hand, weil Pandora ihn aus einer ihrer Büchsen von Paris, dem Mittelpunkte aller ihrer Wünsche, und Moden, ihr zugeworfen hatte.

Was such die Nachfolgerinnen der Königin Charlotte Sophie für Künste und Wissenschaften getan haben, so können sich doch die Gelehrten keiner ähnlichen Aufnahme, Würdigung und Freundschaft unter dem Vorsitze einer königlichen Beschützerin bisher mehr rühmen. Schon nach ihrem frühzeitigen Tode sank ihr Einfluss und Ansehen, weil die dritte Gemahlin Friedrichs des I. eine Prinzessin von Mecklenburg, den Pietisten sehr ergeben war, die ihren Verstand bis zu einem Grade von Verrücktheit gefangen nahmen.

Die Niederlassung der französischen Emigrierten unter Friedrich dem I., seine Prachtliebe, sein Aufwand bei den Feierlichkeiten einer dreifachen Vermählung, und bei der Gegenwart so vieler vornehmen Gesandten, seine öfteren Reisen ins Ausland u. d. g. m. gaben den französierten Berlinerinnen eben so viel Gelegenheit, sich sehen zu lassen, und mit allen feineren Künsten der Koketterie ausgerüstet zu, gefallen. Die Thronbesteigung Friedrich Wilhelms des I. veränderte den bisherigen Zustand außerordentlich, und das goldne Zeitalter des Luxus, der Moden, Künste und Wissenschaften ging mit seinem Vorfahren gleichsam zu Grabe. Das berlinische Paris wurde in die Hauptstadt von Brandenburg, Athen in Sparta, und Luxus in Sparsamkeit verwandelt. Die Königin Mutter saß mitten unter ihren Töchtern am Spinnrocken, Prinzessinnen reichten ihrem Vater Feuer zum Tabaksrauchen, und der König bedrohte auf öffentlicher Straße die ehrbarsten Frauen und Mädchen, wenn sie nach seiner Meinung müßig herumliefen. Seine Regierung war ein Stillstand für die weibliche Herrsch- und Gefallsucht, zugleich aber auch eine heimlich blühende Vorbereitung zu der Freiheit, die ihrer späterhin wartete, und sich mit einem desto frohern Triumphe an ihrer vorigen Sklaverei rächte.

Geben Sanftmut, Duldung und Nachgiebigkeit dem Charakter eines Weibes auch außer dem Throne einen königlichen Gehalt, so war die Gemahlin Friedrich Wilhelms des I. eine Königin im doppelten Sinne des Worts; das tief kränkende Unrecht eines Mistrauens in ihre eheliche Treue, des Kummer über das harte Schicksal ihres königlichen Sohnes des damaligen Kronprinzen, vor, während und nach seiner Flucht- und die stille Ergebung in den Willen ihres strengen Gatten bei unzähligen Auftritten und Verhältnissen zeigen von einer bewundernswürdigen Seelengröße.

Unter den Hofdamen der Königin war damals ein Fräulein von Wagnitz, welches, als Ausnahme von der Regel, in dem schneidendsten Kontraste mit den Sitten seiner hohen Gebieterin stand, wovon uns Pöllnitz in dem zweiten Bande seiner Memoiren eine charakteristische Schilderung aufbewahrt hat. Mit ihrer Verbannung vom Hofe scheiterte der Plan, den König in ihr Netz zu locken, und sie selbst musste mit einem Mal den Schauplatz ihrer Intrigen und ihrer Koketterie verlassen.

Mit der Thronbesteigung Friedrichs des Zweiten wurde das schöne Geschlecht in seine Rechte wieder eingesetzt, und man kann die Regierung desselben als eine Hauptepoche annehmen, in welcher sich alles dem Stande der Natur mehr näherte. Eine zu strenge Sittenzucht verträgt sich nicht lange mit der Basis eines Militärischen Staates — der Bevölkerung. Sie vermehrt das Verderben des großen Haufens im Finstern, wenn sie von dem Privatleben der Menschen eine zu genaue Rechenschaft fordert; es war also hohe Zeit, die menschlichen Schwachheiten dem Schoße der Finsternis zu entziehen, damit sie nicht in wirkliche Laster ausarteten. Der Solon seiner Zeit fühlte das Bedürfnis einer Reformation der Sitten von unten herauf in höhern Ständen; die grausamen Kirchenbußen gefallener Mädchen wurden aufgehoben, und sogar diejenigen in Schutz genommen, die schon in ihrer Profession genug Schande und Strafe finden. Sonst wohnten gewisse Personen in der heutigen Rosenstraße neben dem Scharfrichter, der eine Art von Schutzrecht über sie ausübte, und dem sie nicht nur eine Erkenntlichkeit dafür bezahlen, sondern ihn auch wenn er in ihrer Gegend zu tun hatte, in ihre Wohnung aufnehmen mussten. *) Jetzt sind sie unmittelbar der Gerichtsbarkeit der Polizei unterworfen, und leben in der Stadt zerstreut unter den Augen des Publikums, das sie gleichsam kontrolliert. Alle Gesetze sind ohne Sitten eitel, diese bleiben aber, trotz der besten Gesetze, nie ganz unverdorben, und deshalb ist die Ehre der Gesetzgebung schon gerettet, wenn sie die Nachteile der Sittenlosigkeit, so viel als möglich, zu mildern sucht. So sehr auch die theoretischen Sittenrichter dagegen eifern, so kann doch der Staat nicht anders, als aus zwei Übeln das geringere wählen, und dieses dem praktischen Leben gemäß modifizieren.

*) Almanach zur Kenntnis des Preußischen Staaten, Berlin, bei Spener 1795.

Diese auf die menschlichste der Schwachheiten, zu Gunsten der Bevölkerung, zur Ordnung in den Familien, zur Verhütung des Kindermordes und andrer Exzesse gegen die Natur, so glücklich berechneten Maßregeln benahmen zwar der Unsittlichkeit etwas von ihren hässlichen Außenseiten, man gewöhnte sich nach und nach an die bösen Beispiele, und am Ende schlich sich ein ähnliches im Grunde nur verfeinertes Sittenverderbnis in höhere Stände ein. Doch wäre dieses früh oder spät bei dem zunehmenden Luxus, bei der Vermischung aller Nationen in der großen Koloniestadt Berlin, bei der immer steigenden Population, und andrer Umstände wegen unvermeidlich gewesen.

Die bekannte Vorliebe Friedrichs des Großen für di französische Nation eröffnete auch dem schönen Geschlechte einen Zutritt zu ihm, den man bisher am Hofe noch nicht kannte und der einen bedeutenden Einfluss auf die ihn umgebenden Stände gewann. Ohne den Umgang mit französischen Schauspielerinnen, die er zu seinen frugalen, aber an Geist überaus fruchtbaren Abendmahlzeiten in Gesellschaft französischer Gelehrten zog, wäre vielleicht die Ader seines Witzes nicht so unerschöpflich geblieben, und er konnte das deutsche Frauenzimmer auf die Vorteile der Geistesbildung nicht wohl aufmerksamer machen, als durch diese Ehre, die er dem französischen wegen seiner Überlegenheit in derselben widerfahren ließ. Diese Seelenfavoritinnen stellten nicht nur den mit der ersten Königin Charlotte Sophie fast abgestorbenen französischen Ton wieder her, sondern gaben ihm einen so mächtigen Schwung, dass er sich des ganzen Hofes, und von da aller übrigen Stände bemeisterte. Seine Gemahlin, Christine Elisabeth, ernsthafter, aber eben so gebildet wie eine Französin von Geburt, gewann ihm selbst die dauerhafteste Hochachtung und Freundschaft ab, die nur allein für die vorübergehenden Freuden der Geschlechtsliebe einen überwiegenden Ersatz gewähren konnte. „Ich freue mich, den Thron mit Ihnen teilen zu können!“ waren die Worte des unsterblichen Mannes an seine Gemahlin, womit er alle Anwesende überraschte, die sich von seiner bekannten Kälte eine so warme Anrede damals nicht vermutet hatten.

Wenn es die nämliche Kraft ist, die den engen Raum einer Lampe, und die eine Welt durch die Sonne erleuchtet, so hat das Döbbelinische Theater in den Mittlern Ständen so viel bewirkt, als das Beispiel des Königs mitten unter Franzosen und Französinnen in den höheren Zirkeln. Galanterie, Koketterie und liebenswürdige Exzesse wetteiferten hier in einem kleineren Wirkungskreise, fanden Bewunderer, Anbeter und Liebhaber die Menge, und Döbbelins geschiedene Gattin war die erste, die den Preis ihrer Schönheit durch eine vornehme Verbindung davontrug, um welchen sich nachher so viele Theaterprinzessinnen in ihrem Freiheit- und Gleichheitsschwindel auch verdient machten. Das Französische und Deutsche Theater waren also der Brennpunkt, in welchem sich alle Strahlen der Mode, der Gefall- und Eroberungssucht, der Intrigen und Nachahmung mehr, oder weniger sammelten. Kein Wunder, dass das letztere in einer deutschen Hauptstadt sich emporarbeitete, und am Ende gar in den von dem französischen Personale verlassenen Tempel Thaliens siegreich einzog.

Hier beginnt eigentlich der für den weiblichen Despotismus entscheidende Zeitpunkt, den man noch heut zu Tage eine immerwährende Schönheitstyrannei nennen möchte. Der Zauber der Theaterwelt ging in die wirkliche Welt über, und seit Errichtung der National-Schaubühne in Berlin unter Friedrich Wilhelm dem II. ist das Theater die Schule des herrschenden Geschmacks, der Moden, der Lieblingslektüre, der Liebeshändel, und mit einem Worte der weiblichen Herrschaft geworden. Das Publikum bildete sich nicht mehr nach dem Hofe, sondern nach dem Theater, und zwei bekannte Schauspielerinnen, ewige Rivalinnen ihrer Schönheit und Eigenliebe, lagen in einem täglichen Kampfe miteinander, durch einen ungeheuren Aufwand den Ton anzugeben, und sich von allen angebetet und nachgeahmt zu sehen. Mit einem Mal verschwanden die Bastillen des altmodischen, steifen Kostüms; die jungen reizenden Aktricen gingen dem Geiste der Zeit und des Geschmacks selbst entgegen; Ifland und Kotzebue, als die gleichzeitigen Lieblingsdichter, vollendeten den Triumph der Schauspielerinnen, indem sie diesen durch die dankbarsten, anziehendsten Rollen die Krone aufsetzten, und dadurch das Entzücken des Publikums auf den höchst möglichen Grad trieben.

Unterdessen hatten auch deutsche Damen die Französinnen am Hofe verdrängt, und sich die Herrschaft in dem Reiche der Schönheit wieder angemaßt, die sie so lange entbehren mussten. Ehe man es sich versah, war Brandenburg nicht nur auf der Karte mit Sachsen arrondiert, sondern es galt als ein lebendiges Seitenstück von dem galanten Sachsen unter August dem III. Könige von Polen, und die weibliche Eroberungssucht kannte elf Jahre lang keine Schranken mehr, bis sie endlich wieder gehörig zurückgewiesen wurde. Das Beispiel stürmte hinreißend auf alle andere Stände herab, und eine Sündflut von Romanen, Komödien und Rittergeschichten drang bis in die Hefen des Pöbels. Was sich noch aufrecht erhielt, ward in den Feenschlummer des Magnetism, und der Geistererscheinungen eingewiegt, und wer diesem auch entging, der fiel am Ende doch in den schnupfenartigen Revolutionsschwindel.

In diesem Zeiträume war die Anzahl her unterhaltenen Mädchen so groß, dass Friedrich Wilhelm der Dritte bei seiner Thronbesteigung sich genötigt sah, sie durch ein ausdrückliches Verbot von den Offizieren loszureizen. Die Ehescheidungen waren gleichsam an der Tagesordnung, und die durch den langwierigen Krieg im Auslande veranlasste Teuerung erzeugte das polypenartige Ungeheuer, die feile Dirnen, die vom Friesrocke an bis in die neumodische griechische Kleidung versteckt, jetzt alle Straßen öffentlich durchkreuzten, wo sie sich sonst nur bei Nacht und Nebel sehen ließen. Nie sind Messallianzen häufiger gewesen, nie die Eheverbindungen Königlicher Beamten mit Schauspielerinnen, nie die Gemeinschaft der Weiber bei lebendigem Leibe ihrer rechtmäßigen Männer. Mädchen vom Bürgerstande suchten eine Ehre darin, Mätressen eines adligen Liebhabers zu werden, und die Hoffnung auf eine mögliche, aber selten wahrscheinliche Ehe in der Zukunft um den gegenwärtigen Preis der Infamie zu vertauschen.

Der vergrößerte Maßstab der Sittenverderbnis war aber auch der ihrer bessern Bildung; sie sahen allgemach ein, dass bei dem Überflusse der Geschöpfe ihrer Denkungsart die bloß sinnliche Liebe von keiner langen Dauer wäre, wenn einst die feinern Künste des Umganges ihr einen neuen Reiz gäben, und so waren sie genötigt, nicht nur ihren Wangen, sondern auch ihrem Geiste und Herzen eine Schminke zu verleihen. So kam es, dass Berlin vorzugsweise in Deutschland seine ersten Aspasien, Lais und Phrynen aufweisen konnte, die zwar ihren Urbildern noch himmelweit nachstehen, dieselben aber früh oder spät erreichen werden. Es versteht sich, dass hier die Rede nur von gefälligen Personen des ersten, Ranges, und von unterhaltenen Mädchen ist, nicht aber von feinern Koketten in höhern Ständen, die schon einen Sokratischen Genuss gewähren können, wenn sie gleich im Grunde auch nicht mehr sind, als Formen, wie selbst ihr erster Literarischer Freund, von Hippel *) behauptet, um Menschen, das heißt, Männer, und Menschenformen, das heißt Weiber für die Gesellschaft zu liefern, oder liefern zu wollen.

*) Nachlass über Weibliche Bildung, Berlin, bei Voß 1801


So stand es ungefähr um die Moralität, um die Bildung auf Kosten derselben, und um den Wert weiblicher Konnexionen, die den wohltätigen Glauben an rechtschaffene Handlungen so oft erschütterten, und undeutlich genug fühlen ließen, warum man sich um gewisse Frauen und Mädchen so gerne verdient machte. Da erschien ein Ehepaar auf - dem Thron, den es noch schmückt, und brachte die Unordnung des Willens der Menschen in sein Geleis zurück, wie eine höhere Gewalt die Unordnung der Elemente. Sein Beispiel wirkte kräftiger, als die Gewohnheit einer zweiten Natur, jedermann suchte seine Blößen zu decken, und alles griff unwillkürlich nach dem Schleier der Anständigkeit. Zwei erhabene Frauen, als Gattinnen und Mütter eben so groß, als sie es nach ihrem Königlichen Range sind, Friederike Luise und Luise Auguste zeigten mit dem Stolze der Mütter der Grachen ihre Kinder und Enkel als ihre kostbarsten Kleinodien; alles drängte sich heran sie zu sehen, zu bewundern und zu beneiden; selbst die herrschende Vorliebe zur Kinderlosigkeit blickte mit einem unwiderstehlichen geheimen Wunsche nach ihnen auf. Das Privatleben des Königs hatte jetzt mehr Gewalt über die öffentlichen Sitten, als alle Gesetze; das schöne Geschlecht konnte den Reizungen des glänzendsten Vorbildes der ehelichen und mütterlichen Zärtlichkeit auf dem Throne nicht wiederstehen, und je mehr sich das Licht von demselben verbreitete, desto tiefer sank der Schatten jedes Gegensatzes.

Sollte ich Mich wohl irren, wenn ich die Hauptentwicklung der schönen Berlinerwelt in dem Anfange des vorigen Jahrhunderts, gesucht, sie bis zum Schlüsse desselben flüchtig verfolgt, und in die gegenwärtigen Zeiten festgesetzt habe? Dazu, war wohl ein so langer Zeitraum unumgänglich notwendig und es bedurfte eben so vieler Wechsel der Regierungen, als Mannigfaltigkeiten des herrschenden Geschmacks, der Beispiele, Sitten und Moden, um aus dem Chaos verschiedner Gestalten endlich eine reinere Form hervortreten zu sehen.

Ich möchte es gern bei dieser allgemeinen Übersicht bewenden lassen, um mir den gewagten Versuch, oder vielmehr die gefährliche Versuchung zu ersparen, dass ich über den Charakter, die Sitten und den Geist der Berlinerinnen besonders etwas sagen soll.

In sofern ich dieselben beobachtet und kennen gelernt habe, so glaube ich, vorzugsweise den Charakter der Weiblichkeit an ihnen rühmen zu können, dem sie, trotz aller feinern Künsten des großstädtischen Lebens, treu geblieben sind. Konnte, dieses erste und stärkste Band zwischen beiden Geschlechtern den Mann schon in dem rohesten Zustande der Natur allein fesseln, wie mächtig und dauerhaft muss es nicht unter gebildeten Menschen anziehen. Je höher der Grad weiblicher Bildung ist, desto reizender zeigt sich dieser natürliche Charakter, und da die größte Kunst der Berlinerinnen darin besteht, die Kunst überall zu verbergen, so zahlen sie selbst sich und ihrer Natur einen Tribut, ohne welchen sie nicht so siegreich erscheinen würden. Das Häuflein der Überbildeten, ihres Geschlechts hält dieser Wahrheit die schönste Lobrede, und es ist uns Männern nur in so weit noch erträglich, als es bei aller Bemühung diesen Charakter der Weiblichkeit zu verleugnen, denselben doch nicht unterdrücken kann.

Die süße Notwendigkeit, mit und unter den Berlinerinnen zu leben, erlaubt mir nicht, andere Eigentümlichkeiten ihres Charakters zu berühren. Ich halte mich genau innerhalb der engen Grenzen meines bloßen Versuchs, und habe ihnen so viel Gutes und Schlimmes zu verdanken, als jenes Franzose, dem die Weiber auch zu viel Gutes getan hatten, als dass er übel, und zu viel Böses, als dass er vorteilhaft von ihnen hatte sprechen können.

Man lasse mich also Manches Charakteristische lieber auf die Sitten, und deren Rechnung übertragen! Es war eine Zeit, wo die Berlinerinnen mehr des Tones wegen, den einzelne Damen angegeben hatten, und mehr aus Nachahmungslust, als eigenem sittlichen Gefühle ihre Sitten verbesserten und dadurch nicht das Interesse an der Sittlichkeit selbst, sondern fast nur die Annehmlichkeiten der Gesellschaft bezweckten; dieses war aber auch nur die Zeit des Verlangens zu gefallen. Jetzt ist es das Bestreben nach Achtung, welches ihre Sitten verfeinert, und sie den Lohn ihrer Bildung in allen öffentlichen und Privatzirkeln einerndten lässt. Je mehr sie sich geachtet sehen, desto mehr beeifern sie sich, diese Achtung zu verdienen, und so schreitet die Liebenswürdigkeit ihres Betragens noch fort, wenn die bloße Sucht zu gefallen bei ihren ersten Eroberungen schon stille steht. Ihre Sitten gewinnen in dem Verhältnisse, in welchem ihre wissenschaftliche und moralische Bildung gestiegen ist, von welcher sie keine traurige Sklavinnen, sondern lebensfrohe Repräsentantinnen alles Guten, Edlen und Schönen sind.

Der Geist der Unabhängigkeit und Freiheit, welcher dem nördlichen Europa, nach Montesquieus Behauptung, mehr, als dem südlichen eigen ist, und deshalb dort den Protestantismus, hier aber den Katholizismus gebildet hat, bewirkte ursprünglich die Zwanglosigkeit, die vor allen andern unsre Berlinerinnen mit der möglichsten Dezenz und Sittlichkeit zu vereinigen wissen. Späterhin fand diese bezaubernde Anmut in dem Umgange mit fremden Nationen, in dem Beispiel, in der zunehmenden Kultur, in der Geselligkeit, in dem Hange nach Vergnügungen, in der Vermehrung der Grenzlinien des gesellschaftlichen Lebens, und wenn man will, auch in der Eigenliebe ihren Wachstum, so dass sie beinahe aufgehört hat, das Eigentum einzelner Personen zu sein, weil sie das ganze Geschlecht ziert und veredelt.

Und so erhob sich ein Gemeingeist in unsrer schönen Welt, von dem wir eben so wenig, als von dem Sitze der Seele im menschlichen Körper, wissen, wo er eigentlich seinen Thron errichtet hat. Ich meines Teils huldige ihm in den Vorzügen des Verstandes, des Herzens, und insbesondere der gesellschaftlichen Tugenden.

Wenn ich hier dem Verstande der Berlinerinnen seinen Platz vor dem Herzen einräumte, so hat mich die Meinung dazu verleitet, dass ihre Bildung in der Regel nicht den Weg vom Herzen zum Verstande, sondern von diesem zu jenem nehme. Dieses ist die Folge ihrer vorzüglichen intellektuellen Bildung, und dadurch unterscheiden sie sich von dem großen Haufen ihres Geschlechts, der nur blindlings den Gefühlen des Herzens folgt, ohne sie von dem Verstände prüfen zu lassen. Darum handeln sie mehr aus Grundsätzen, und zeigen nicht selten eine Festigkeit des Charakters, die bei andern so oft und so leicht erschüttert wird. Sie gehen hierin mit uns Männern fast einen Weg, schätzen und üben die Tugend um ihres innern Wertes Willen, und sind größtenteils Kantianerinnen, ohne auf diesen Namen Anspruch zu machen.

Um so eher können sie sich, und auch wir uns, auf ihr Herz verlassen, welches gemeiniglich die Eigenschaften ihres Verstandes besitzt. Sobald sie den Gegenstand gefunden haben, der sich ihres Herzens inniger bemächtiget, so hört die Eitelkeit, Allen in der größeren Gesellschaft gefallen zu wollen, auf, und sie schließen sich mit gänzlicher Hingebung an den Auserwählten; misslingt die Wahl, so ist die Schuld größten, teils mehr auf Seiten des Gewählten, als der Wählenden, die sonst, wie die Erfahrung lehrt, oft im Stande ist, sein Herz zu bessern und festzuhalten. Der Fond aller Herzensgüte ist bald erschöpft, wenn der Verstand ihn nicht durch neue Veranlassungen und Ursachen, gut zu sein, unterhält, und dieses vermögen nur verständige Frauenzimmer, deren hohe Schule Berlin ist.

Ihre gesellschaftlichen Tugenden sind sichere Bürgen des häuslichen Glückes, das sie zu gewähren im Stande sind. Ober sollte ihre Sanftmut, ihr einnehmendes Wesen, ihr Zartgefühl nur auf die kurze Zeit der großstädtischen Zirkel eingeschränkt sein? ihre Gabe zu unterhalten, ihr Scharfblick, ihre Beurteilungskraft, und die Ader ihres Witzes nur vorübergehenden Gästen und Fremdlingen zum Zeitvertreib dienen? ihr Reichtum an Kenntnissen nur von denen bewundert werden, die in der großen Welt keiner bleibenden Eindrücke fähig sind? Nein! so viel Verstand und Herz können zwar das Vergnügen einer großen Gesellschaft, aber nur das Glück eines Einzigen ausmachen, der es verdient, das Glück des Lieblings und Gatten — einer Berlinerin.

von J. A. Mercy.