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Man wirft den Deutschen vor, ihre Volksfeste beständen in Essen und Trinken, und sie suchten jede Gelegenheit hervor, die ihnen als Entschuldigung gegen sich selbst dienen könnte, schlügen sie etwas über die Stränge. Diese Behauptung der Ausländer hat viel Wahres, doch findet sie hier nicht vollkommene Anwendung. Bei dem Totenamte der verewigten Königin wird wenig oder gar nicht an die Befriedigung jener zwei Hauptleidenschaften gedacht, und wenn es bei der Feier von des Königs Geburtstag mehr geschieht, so kann man es doch nicht als Hauptzweck angeben, denn wäre der König nicht wirklich von seinem Volke geliebt, freute sich nicht jeder Einzelne, Teil an der Feier des Tages zu nehmen, der dem Lande einen so gerechten, liebevollen Herrscher gab, so würde der dritte August gewiss still und geräuschlos Vorübergehen, und jeder sonne sich einen andern passenden Vorwand zum Essen und Trinken aus.

Bei dem Militär wird des Königs Geburtstag fast wie ein ordentlicher Festtag gefeiert. Die Qffiziercorps der verschiedenen Regimenter essen zusammen (das Trinken wird dabei natürlich nicht vergessen) und die Gemeinen werden aus der Speisekasse mit Bier und Branntwein traktiert. Auch mehrere der Dikasterien folgen dem Beispiele des Militärs, und trinken, beim freundschaftlichen Mahle vereint, mit frohem Herzen auf die Gesundheit und ein langes Leben des geliebten Monarchen.

Am Abend wird zur Feier des Tages auf dem sogenannten Wedding, einer großen, wüsten Sandebene, eine gute halbe Stunde von Berlin entfernt, ein Feuerwerk abgebrannt, welches die Gardeartillerie verfertigt. Die Beamten der Ministerien und Dikasterien, die Gesandtschaften, die Offiziere, und Fremde oder Einheimische von Stande, erhalten hierzu Billets, der geringere Haufe aber lagert sich außerhalb der Barrieren, welche die Artilleriekompanien bilden, und sieht dem Schauspiele zu.

Begünstigt das Wetter einen solchen Nag nur einigermaßen, so sind eine zahllose Menschenmasse, und drei bis vier hundert Wagen dabei versammelt, und wen das Unglück trifft, unter den letzten in der langen Reihe der Wagen zu sein, welche nur durch zwei Tore in die Stadt kommen können, der tut wohl, für diese Nacht auf seinen Schlaf zu verzichten, denn vor drei oder vier Uhr kommt er sicher nicht nach Hause, und viele Fußgänger, einzeln oder paarweise, bringen sogar die ganze Nacht im Korne zu, worüber freilich die Ackerbesitzer keine sonderliche Freude haben mögen. Um sechs, sieben Uhr des andern Morgens kann man noch die letzten Zuschauer des Feuerwerkes in die Stadt ziehen sehen.

Der berühmte Stralauer Fischzug findet am 24sten August Statt. Seinen Namen hat er von dem Dorfe Stralau, welches eine Meile oberhalb Berlin, an den Ufern der Spree liegt. Dies merkwürdige Ereignis setzt die Beine von fünf Sechsteilen der Berliner in Bewegung, selbst schon am vorhergehenden Tage, denn da wird das Leihhaus, und alle Pfandleiher überstürmt, um die Paar Groschen zu erhalten, die am folgenden Tage verzehrt werden sollen.

Mit dem Grauen des Tages sieht man an dem genannten Tage die Leute in allen Teilen und Gegenden der Stadt, sich in Bewegung setzen, und dennoch sehen nur die Wenigsten das, wovon das Ganze den Namen hat, den Fischzug nämlich. Dieser findet wirklich Statt, aber schon so früh des Morgens, dass die langschläfrigen Berliner sich noch nicht aus den Federn gearbeitet haben.

Vom frühen Morgen an strömt Alles, unbekümmert um den Fischzug, dem Dörfchen Stralau zu. Gondeln und Kähne bedecken die Spree, Wagen und Fußgänger die Straße, und diese keuchen nicht selten unter der Last der Speisen und Getränke, welche sie zur Verherrlichung des Festes mit hinausschleppen, denn Essen und Trinken ist hier eine der Hauptsachen, sogar die vorzüglichste, und wenn man draußen auch für sein schweres Geld manches bekommen kann, so ist es doch eben so schlecht und ungenießbar als teuer, und die Meisten bringen sich daher lieber aus der Stadt mit, was sie zu verzehren denken.

Nirgends zeigt sich das eigentliche Volksleben deutlicher, als bei dieser Gelegenheit, und man muss Julius von Voß die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er in seinem Lustspiele: Der Stralauer Fischzug, die Charaktere so ganz aus dem Leben zu greifen verstanden hat, dass man wirklich in Versuchung gerät, sich selbst wie durch Zaubergewalt, unter den tobenden, lärmenden, schreienden Plebs versetzt zu wähnen. Nur wer Ähnliches mit ansah, kann sich einen Begriff von diesem Drängen und Treiben machen. Jedes Haus, jede Hütte sogar, ist für den heutigen Tag zu einem Gasthause umgeschaffen, und von dem Boden bis zum Keller mit Gästen überfüllt. Auf dem Kirchhofe werden die Gräber zu Tischen, und umgeben von Moder und Verwesung vergessen die Glücklichen jeden augenblicklichen Harm, und träumen oder trinken sich in den Himmel.

Die Ufer der Spree, welche bei Stralau sehr breit ist, und noch etwas weiter hinauf, bei Rummelsburg, einen großen See bildet, sind zum großen Teile mit kleinem Gebüsch bewachsen. In dieses trauliche Dunkel verirren sich unzählige Liebespärchen, und unbekümmert um die Blicke neidischer Lauscher, überlassen sie sich den feurigsten Liebesversicherungen.

Auch das, Stralau gegenüber liegende, Fischerdorf Treptow ist an diesem Tage mit Besuchern überfüllt, und die Gondeln und Kähne fahren beständig hinüber und herüber.

Fürchtet irgend ein Weibchen den eifersüchtigen Blick ihres halbtrunkenen Gatten, ein Mädchen das strenge Späherauge eines nicht minder eifersüchtigen Geliebten oder des Vaters, der Mutter, husch — sind sie mit dem begünstigten Anbeter in der Gondel, und können sich drüben in Treptow ganz ungestört mitteilen, was sie sich zu sagen haben. Freilich wird man sie vermissen, allein sie sagen bei der Rückkehr, sie gingen etwas spazieren, oder gestehen auch wohl, dass sie in Gesellschaft einiger Freundinnen einige Zeit in Treptow waren, man hat nichts gesehen, und — alles ist gut.

Ein bunteres Gemisch von allen Ständen, als an dem heutigen Tage hier zu finden ist, wird man schwerlich anderswo sehen. Der Rat und der Kopist, der Referendanus und sein Stiefelputzer, der Lehrer und der Schüler, die Herrschaft und ihre Köchin, Müller und Schornsteinfeger, Haarkräusler und Fußbekleidungsfabrikanten, kurz, Alles wogt hier bunt durch einander, und jeder Unterschied des Standes ist gänzlich aufgehoben, die Ordnung wohl sogar verkehrt, denn wer hier, auf vornehmeren Stand fußend, irgend ein Recht des Vorzuges geltend machen wollte, der könnte gewaltig schlecht ankommen.

Was von anständigeren Frauen nach Stralau kömmt, bloß, um sich das Getümmel anzusehen, bleibt in der Regel im Wagen sitzen-, fährt einige Male auf und nieder, und dann wieder nach Berlin zurück, wo indessen alles ausgestorben scheint.

Je mehr der Tag sich zum Ende neigt, desto mehr fängt auch die Macht des Branntweins zu wirken an. Das Schreien, Lärmen und Toben nimmt in einem solchen Grade überhand, dass man kaum sein eigenes Wort verstehen kann. Hier geraten zwei Weiber, die ebenfalls etwas zu tief in das Glas gesehen haben, in Streit, und man möchte die Geläufigkeit ihrer Zungen bewundern, zeigte sie sich in etwas Edlerem. Dort werden Fäuste und Stöcke drohend gehoben, und die Augen blitzen dazu in fürchterlicher Wut; jetzt fällt ein Schlag, und sogleich ist die Prügelei allgemein. Pech, der eifersüchtige Schuster, der sein junges, feuriges Weibchen den ganzen Tag wie ein Drache bewachte, und ihr nicht gestattete, sich zwei Schritte zu entfernen, sieht seinen besten Gevatter in Gefahr, vergisst seine Eifersucht und stürzt sich in das Getümmel. Der arme Mann; es ist um ihn geschehen. Schon seit dem Mittage umschlich ihn der Anbeter seiner Frau, ein schöner Kürassier-Unteroffizier, und jetzt nimmt er, ganz eines kühnen Kriegers würdig, die Gelegenheit wahr, springt herzu, schließt das holde Weibchen in seine Arme, und zieht sie mit sich fort, und ohne Sträuben folgt sie ihm. Mag der Alte auch toben und brummen, ihr bleibt doch der höchst glaubwürdige Vorwand, sie sei durch die Prügelei von ihm abgedrängt worden, habe ihn dann nicht wieder finden können, und sei endlich ganz allein nach Haus gewandert.

Dort ist einem gestrengen Vater das leichtfertige Töchterchen entschlüpft, und er läuft überall umher, sie zu erspähen. Endlich sieht er sie, eine ganze Strecke vor sich, an dem Arme eines Grenadiers. Ja, sie ist es. Das rote Umschlagetuch, das grüne Kleid, der gelbe Strohhut; er kann nicht länger zweifeln. Wütend stürzt er den ruhig Fortschreitenden nach, und kaum hat er das Pärchen erreicht, als er mit kräftigen Schlagen auf seine Tochter einhaut. Erschrocken blickt diese sich um, und — er sieht in ein wildfremdes Gesicht. Jetzt will er tausend Entschuldigungen machen, aber der Grenadier, ihm an Kräften weit überlegen, hört nicht darauf, sondern behandelt ihn, wie er die unschuldige Geliebte des Kriegsmannes. Die Umstehenden waren Zeuge des empörenden heimtückischen Überfalles, und helfen nach besten Kräften auf ihn einschlagen. — Braun und blau zieht er sich endlich aus dem Getümmel zurück, und schleicht fluchend nach Hause, die wunden Glieder im Bette zu ruhen.

Doch es wird allgemach spät, und die Arbeit, die am heutigen Tage versäumt ward, muss am morgenden nachgeholt werden. Daher denkt man denn, so gegen Mitternacht daran, nach Hause zu gehen. Doch während des Weges wird noch gescherzt und gelacht, und erst mit der Morgenröte langt Mancher in seiner Wohnung an. Die Arbeit ruft, und es sind kaum zwei Stunden Schlafs vergönnt.

Müde und matt, mit wüstem Kopf und leerem Beutel, werden die Geschäfte des Tages begonnen, und dabei denkt Jeder nochmals mit Entzücken der Freuden des Stralauer Fischzuges.