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Diese Unparteilichkeit, welche im Glaubensbekenntnis enthalten war, stand indessen nur auf dem Papier; überall, wo es darauf ankam, dieselbe tatsächlich zu zeigen, geschah dies von Friedrich nicht; er zeigte im Gegenteil eine entschiedene Vorliebe für seine Glaubensgenossen und bevorzugte diese bei jeder sich darbietenden Gelegenheit.

Häufig erhielten Reformierte die Erlaubnis, Handwerke zu treiben, ohne dass sie nötig hatten, das Meisterrecht zu kaufen; sie wurden bei Besetzung der Ämter bevorzugt; solche Lutheraner, welche den reformierten Glauben annahmen, wurden ansehnlich beschenkt. Der König stand bei den Kindern der Reformierten Gevatter und bedachte sie mit reichen Geschenken; die Wittwen der reformierten Prediger erhielten ansehnliche Pensionen, während von allen diesen Begünstigungen die Lutheraner ausgeschlossen waren.

Es konnte nicht fehlen, dass die Lutheraner, welche noch immer die große Mehrheit im Volke bildeten, sich verletzt durch die Gnadenbeweise fühlen mussten, mit denen Friedrich seine eigenen Glaubensgenossen überhäufte, um so mehr, da Friedrich bei den häufigen Streitigkeiten mit großer Strenge gegen jene einschritt, wenn sie sich in unziemlichen Worten über das reformierte Glaubensbekenntnis äußerten, während er den Reformierten ihre Unduldsamkeit gern verzieh.

Als im Jahre 1693 ein reformierter Katechismus von einem unbekannten Verfasser erschien, der aber nur den Titel trug, in der Tat eine eifrige Schmähschrift gegen den reformierten Glauben war, da wurde dieser in Berlin und Halle von Henkershand verbrannt; ebenso wurde auch im Jahre 1705 eine Abhandlung des Professors Erhard in Hamburg dem Feuer übergeben, weil sie gegen die reformierte Lehre gerichtet war, ja der König erließ sogar den Befehl, alle solche Schriften nicht zu widerlegen, sondern sie einfach durch Henkershand zu verbrennen! Gewiss, ein untrügliches Mittel, die Aufklärung zu befördern!

Die religiösen Streitigkelten spielten damals übrigens nicht nur zwischen den Reformierten und Lutheranern, sondern innerhalb der lutherischen Kirche selbst. Besonders gab die Lehre des Predigers Schade an der Nikolaikirche Veranlassung zu manchen stürmischen Scenen und unruhigen Auftritten in der Stadt.