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Die meiste Aufmerksamkeit verdienen hier wohl ohne Zweifel die beiden Lehranstalten für Taubstumme und für Blinde. Es ist fast unglaublich, was hierin für die Unglücklichen geleistet worden, welche die Natur so stiefmütterlich behandelte, und jeder Sehende, Hörende und Sprechende sollte sich eigentlich von Scham ergriffen fühlen, dass er bei ungleich größeren Fähigkeiten nicht auch in eben dem Verhältnisse ungleich mehr leistet.

Die Gemäldegalerie auf dem Schlosse, und eine andere in dem Universitätsgebäude enthalten manches schöne Stück, sind aber, besonders um als königliche Sammlungen für ausgezeichnet sehenswürdig zu gelten, nicht zahlreich genug.

Für einen Militär haben die Modelle der französischen Festungen ein vorzügliches Interesse., Sie werden auf dem Zeughause aufbewahrt, wo ihre Ansicht einem Jeden frei steht, der sich in dem Zeughause umherführen lässt. Sie stammen, wie sich dies von selbst versteht, aus Frankreich, wo sie im letzten Kriege Beute gemacht wurden. Man würde sehr Unrecht tun, dies als einen Raub zu betrachten, denn obgleich man die zierlich gearbeiteten Modelle für Kunstwerke gelten lassen kann, ohne diesen Begriff herabzuwürdigen, so sind sie doch nicht als solche mitgenommen worden, sondern gleichsam als Grundrisse der Festungen, und gewiss lässt es sich keinem Feinde verargen, wenn er die rechtlichen Mittel, die Schwächen seines Gegners kennen zu lernen, die ein günstiges Geschick in seine Hände legte, auch benutzt. Dahingegen lässt sich für die Mitnahme eines anderen Beutestückes durchaus kein Rechtfertigungsgrund auffinden. Dies Stück ist — die Rüstung der Johanna d'Arc, ganz vollständig, sowohl ihre eigene, als auch die ihres Pferdes. Dies ist ganz unbestreitbares Nationaleigentum, und als solches hatte man es auch der Nation lassen sollen, um so mehr, da es für ein anderes Volk gar keinen, oder doch nur einen sehr geringen Wert hat.

Sieht man übrigens diese Rüstung, so gewinnen die Heldentaten der Jungfrau von Orleans augenblicklich so sehr an Glaubwürdigkeit, dass man auf der Stelle aufhört, bei ihnen an Wunder zu denken. Lebte diese Johanna in unseren Tagen, könnte sie sich als Riesin für Geld sehen lassen. Ich sah viele Ritterrüstungen, aus den verschiedensten Jahrhunderten des Rittertums, aber so groß war keine von allen, als die der Jungfrau von Orleans.

Das zoologische und anatomische Museum, im Gebäude der Universität, sind sehr bedeutend, und gehören unstreitig unter die sehenswürdigsten Dinge in Berlin, doch da dies ganze Kapitel sich eigentlich mehr für eine topographische Beschreibung eignet, berühre ich sie hier ebenfalls nur ganz flüchtig.

Mehr Aufmerksamkeit verdient die Kunstausstellung auf der königlichen Akademie, welche in der Regel alle drei Jahr Statt zu finden pflegt, doch da alle Zeitschriften von den Gegenständen der Kunst, die man dort findet, ein Langes und Breites sprechen, und besonders, da diese Gegenstände beständig wechseln, will ich hier nur einige Worte über das Treiben der Berliner bei dieser Gelegenheit erwähnen.

Die Kunstwerke aller Art sind in einer Reihe von Sälen aufgestellt, und für ein geringes Eintrittsgeld ist Jedem der Zutritt zu diesen Sälen erlaubt. Das Gebäude der Akademie ist, wie bereits oben erwähnt, unter den Linden *). An schönen Tagen, besonders aber des Sonntags, lustwandelt nun die kunstliebende Menge, (und Kunstliebhaber, wo nicht gar Kunstkenner will hier ein Jeder sein) unter den Linden, und geht dann hinaus, die Kunstausstellung zu sehen. Hier zeigt sich die vornehmste Welt im vollen Glanze, der schüchterne Liebhaber weidet sich aus der Ferne an dem Anblicke seiner Geliebten, und er kann diesem so unbemerkter, da oft Tausende von Schaulustigen hier versammelt sind; der unternehmende Liebhaber dagegen, oder der Kurmacher von Profession, scheut die beobachtenden Blicke nicht, drängt sich dreist zu der Angebeteten, und ergötzt ihr Ohr- durch fade Schmeicheleien, die aber keineswegs als solche aufgenommen werden.

*) Das Prachtgebäude der neuen Akademie, welches sich mit schnellen Schritten seiner Vollendung naht, steht am Lustgarten, dem königlichen Schlosse gerade gegenüber.

Vor den einzelnen, ausgezeichnetem Gemälden bilden sich größere und kleinere Gruppen, und die verschiedenen Urteile werden gegen einander ausgetauscht. Wer hier den stillen Beobachter macht, und rechts und links auf die Gespräche lauscht, hat oft die herrlichste Gelegenheit, seine Bemerkungen über die dummdreiste Unwissenheit zu machen, welche durch leeres Geschwätz und dreist ausgesprochene Behauptungen die schüchterne Kenntnis zu Boden rennt.

Unzählige Rendez-vous werden hier gegeben, und aufs Neue bestellt, auch passt kein Ort besser dazu, denn nirgends lässt sich ein Liebesbriefchen verstohlener, unbemerkter zustecken, als eben hier, wo Jeder den Blick immer mehr nach oben gerichtet hat, und daher oft nicht bemerkt, was um und neben ihm vorgeht. — Sah ich doch selbst noch das letzte Jahr, wie ein alter podagrischer Ehemann sein junges feuriges Weibchen am Arme hielt, und gemeinschaftlich mit ihr ein Gemälde bewunderte, während sie, ihr weiches Flaumenpatschchen (um mit Clauren zu reden)**) sanft in der Hand eines schönen Gardelieutenants ruhen ließ, und jedes Mal, wenn sie, zu dem alten Ehekrüppel gewendet, mit flötendem Tone sagte: „Mein Lieber!“ die Hand des Kriegers zärtlich drückte, so dass er deutlich sehen konnte, ihm gälte eigentlich das: „Mein Lieber!“ des schönen Weibchens.

**) Heinrich Clauren (1771-1854; eigentlich Carl Gottlieb Samuel Heun) deutscher Schriftsteller, einer der meistgelesenen deutschen Romanciers.

Und so kann man gewiss unzählige Beispiele finden, daher, ihr betrogenen Ehemänner Berlins, seht weniger auf die Merkwürdigkeiten, und etwas mehr auf Eure Frauen, besonders, wenn sie bedeutend jünger sind, als Ihr.