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Aus: Sagen und Miszellen aus Berlins Vorzeit: Nach Chroniken und Traditionen. 1831. Cosmar, Alexander (1805-1842) deutscher Schriftsteller, Buchdrucker und Buchhändler

Berliner Lustgarten 1690Noch vor zehn Jahren geschah es, dass Fremde neugierig nach dem Lustgarten fragten, während sie sich bereits in demselben befanden. Der große viereckige Platz mit seinem staubreichen Sandboden, und einigen schattenlosen Pappelbäumen, die ihn begrenzten, hatte eben so wenig Ähnlichkeit mit einem Garten, als er Lust darbot, so dass man den Fremden, welche sich streng nach der Benennung richteten, die Frage wohl verzeihen konnte.

Aus: Sagen und Miszellen aus Berlins Vorzeit: Nach Chroniken und Traditionen. 1831. Cosmar, Alexander (1805-1842) deutscher Schriftsteller, Buchdrucker und Buchhändler

Gewiss haben viele Einwohner Berlins von einem eisernen Fische gehört, welcher vor vielen Jahren am Rathause, in der Spandauerstraße **), bemerkt wurde, und über dessen Ursprung nur wenig bekannt ist. Einige Altertumsforscher wollen behaupten, der Fisch zeige an, wie hoch einst in Berlin das Wasser gestiegen sei; doch ist dieser fabelhaften Erklärung keinen Glauben zu schenken.

Aus: Sagen und Miszellen aus Berlins Vorzeit: Nach Chroniken und Traditionen. 1831. Cosmar, Alexander (1805-1842) deutscher Schriftsteller, Buchdrucker und Buchhändler

Auf dem Molkenmarkt *), an der Ecke der Bollengasse **), befindet sich ein Haus, welches als Abzeichen ein Schulterblatt und eine Ribbe von bedeutender Größe hat, nach welchen es seit vielen Jahren seinen Namen führt. Kinderfrauen erzählen ein abgeschmacktes Mährchen von einem Riesen, welcher Berlin erobert, und in diesem Hause residiert haben soll. Einige beherzte Berliner hätten den kolossalen Sieger in der Nacht überfallen, ihn ermordet, die Stadt von ihrem Feinde befreit, und zum Andenken an diese Heldentat das Haus mit dem Schulterblatt und einer Ribbe des Riesen geschmückt. — Diese jetzt noch sichtbare Ribbe gehörte jedoch weder einem Riesen, noch — wie kluge Leute behaupten wollen — einem Wallfische, sondern ist aus Holz gemacht, und diente dem Hause, welches in früherer Zeit ein Wirtshaus gewesen, als Aushängeschild. ***)

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Die Badestuben in der Mark waren bereits im zwölften und dreizehnten Jahrhundert in Gebrauch gekommen, wo sie ihre erste Einrichtung dem durch die Kreuzzüge eingeschleppten Aussatz zu danken hatten. Dass das Baden darauf in der Mark, und besonders in Berlin sehr Mode gewesen, bestätigt eine Begebenheit, welche die märkischen Geschichtsschreiber erzählen, jedoch ohne genaue Angabe der Zeit, in welcher dieselbe vorgefallen, so wie auch die eigentliche Veranlassung zur Hinrichtung der Hauptperson bisher unentdeckt geblieben ist. Es wird hier nicht überflüssig sein, diese Begebenheit, welche sich auf die Zeitumstände und auf die Denkungsart der Berliner gründet, und ein Beispiel des damaligen Rechtsganges gibt, so vollständig wie möglich zu erzählen.

Aus: Sagen und Miszellen aus Berlins Vorzeit: Nach Chroniken und Traditionen. 1831. Cosmar, Alexander (1805-1842) deutscher Schriftsteller, Buchdrucker und Buchhändler

Über der Türe des Hauses No. 25 in der Wallstraße *) erblickt man ein Basrelief, das einen Mann vorstellt, der auf seinem Rücken den Flügel eines Torwegs fortträgt. Die Tradition erzählt von diesem Hause folgende Anekdote:

Zu der Zeit als in Berlin der erste Versuch mit dem Lotterie-Spiel**) gemacht wurde, lebte hier ein armer Schuhmacher, der sich und seine zahlreiche Familie nur kümmerlich durch seiner Hände Arbeit zu ernähren suchte. Das Unglück verfolgte den armen Handwerker in solchem Maße, dass Etymologen behaupten wollen, die Redensart: „der Mensch hat Pech!“ habe seine Entstehung jenem unglücklichen Schuhmacher zu danken. —

Die weiße FrauAus: Sagen und Miszellen aus Berlins Vorzeit: Nach Chroniken und Traditionen. 1831. Cosmar, Alexander (1805-1842) deutscher Schriftsteller, Buchdrucker und Buchhändler

Die erste dieser Erscheinungen, von der man sich erzählt, war bei Ableben des Churfürsten Johann George im Jahre 1598. Hierauf wiederholte sie ihre Erscheinung bei Ableben des Churfürsten Johann Sigismund.

Johann Berger, Hofprediger desselben, sagt in seiner Leichenpredigt, die noch vorhanden ist:

Es hat sich die weiße Frau in leidtragender Gestalt auf dem Churfürstlichen Schlosse sehen lassen vor Personen allerhand Standes und Alters, dass also an ihrer Erscheinung nicht zu zweifeln ist.

 

Der NeidkopfAus: Sagen und Miszellen aus Berlins Vorzeit: Nach Chroniken und Traditionen. 1831. Cosmar, Alexander (1805-1842) deutscher Schriftsteller, Buchdrucker und Buchhändler

Wer das Haus Nr. 38 in der Heiligen-Geiststraße*) mit seinem wunderlichen Abzeichen selbst noch nicht sah, der hat doch gewiss von seinem Namen: „der Neidkopf“ gehört, den es seit jener Zeit führt, wo in Berlin noch keine Hausnummern existierten, sondern jedes Haus seine besondere Benennung hatte. Die Tradition erzählt folgende nicht uninteressante Anekdote, für deren Wahrheit sich viele alte Leute Berlins verbürgen wollen.

Aus: Sagen und Miszellen aus Berlins Vorzeit: Nach Chroniken und Traditionen. 1831. Cosmar, Alexander (1805-1842) deutscher Schriftsteller, Buchdrucker und Buchhändler (Nach einer Sage von dem steinernen Kreuze auf dem Marien-Kirchhofe.)


Das Kreuz auf dem Marien-FriedhofVor vielen und vielen hundert Jahren,
Als die Kirchen noch sehr selten waren.
Gab es für den Teufel immer viel Qual,
Vermehrte um eine sich ihre Zahl.

Zum Glücke gab es viel fromme Christen,
Die nicht vertraut mit des Teufels Listen,
Die bauten —zum Trotze ihm — in Berlin
Die schöne Kirche zu Sankt-Marien.

Aus: Sagen und Miszellen aus Berlins Vorzeit: Nach Chroniken und Traditionen. 1831. Cosmar, Alexander (1805-1842) deutscher Schriftsteller, Buchdrucker und Buchhändler

Wer den alten Turm des Berliner Rathauses*), an der Königs- und Spandauerstraßen-Ecke, genauer betrachtet, wird auf der 1581 abermals ab, bis 1583 das jetzt noch stehende Eckgebäude mit dem hervorspringenden Turm erbaut wurde. Der neue Teil des Rathauses in der Spandauerstraße entstand 1693, der zwischen der Ratswaage und dem Turm gelegene aber erst 1710. —

Aus: Sagen und Miszellen aus Berlins Vorzeit: Nach Chroniken und Traditionen. 1831. Cosmar, Alexander (1805-1842) deutscher Schriftsteller, Buchdrucker und Buchhändler

Schwerlich möchten sich in der Naturgeschichte noch Bäume finden, von welchen die Sage so Merkwürdiges erzählt, wie von den dreien Linden, welche man im 16ten und 17ten Jahrhundert zu Berlin gesehen. Der berühmte Kastanienbaum auf dem Ätna ist allerdings eben so merkwürdig, als die Linde in Italien, von der Plinius erzählt, dass sie auf ihren Ästen verschiedene Früchte: Weintrauben, Feigen, Nüsse, Birnen und anderes Obst getragen, wunderbar erschien; dennoch bleiben uns die drei Berliner Linden bei weitem merkwürdiger, die mit ihren breiten Zweigen den Heiligen-Geist Kirchhof bedeckten, so dass zu jener Zeit die Garnison, welche noch keine eigene Kirche hatte, im Sommer sich des Platzes unter den Linden als Gotteshaus bediente.

Aus: Berlin seit 500 Jahren. Vom Fischerdorf zur Weltstadt. Geschichte und Sage. Band 4. 1864 Adolph Carl Streckfuß (1823-1895) deutscher Agrarökonom und Schriftsteller

Bei den Gesellschaften und Picknicks würde in allen Ständen ein Luxus aufgeboten, der sich, die kurze Zeit des siebenjährigen Krieges ausgeschlossen, von Jahr zu Jahr steigerte. Wenn man große Gesellschaften geben wollte, musste man dazu auch die geeigneten Wohnungen haben. Es wurde ein Bedürfnis für alle den bessern Ständen angehörenden Familien, geräumige Gesellschaftszimmer zu besitzen; Speise- und Tanzsäle, Visitenstuben und Boudoirs hielt man bald für notwendige Erfordernisse eines großen Hausstands und auch die Bürger folgten bald in diesem Luxus den vornehmem Ständen.

Aus: Berlin seit 500 Jahren. Vom Fischerdorf zur Weltstadt. Geschichte und Sage. Band 4. 1864 Adolph Carl Streckfuß (1823-1895) deutscher Agrarökonom und Schriftsteller

Eine der beliebtesten geselligen Vergnügungen waren die Picknicks, welche gewöhnlich bei beliebten Restaurateuren abgehalten wurden. Die Herren aus der Gesellschaft führten eine oder mehrere Damen zu irgend einem beliebten Restaurateur, dort wurde ein fröhliches Mahl veranstaltet, dem meistens, besonders im Winter, ein Tanz folgte; die Kosten wurden von den Herren getragen.

Die vornehmen Stände liebten die Picknicks außerordentlich, besonders berühmt waren die, welche bei Richard im Tiergarten oder bei Corsica, dem Restaurateur am Wasser hinter dem Zeughause, abgehalten wurden.