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Zu so edlem Beginnen fehlte ihm auch nicht der sinnende Geist, die schaffende Hand werktätiger Künstler, an deren Spitze Schinkel, ein Sohn des märkischen Vaterlandes, trat, um durch seinen Genius eine neue Ära der Baukunst für Berlin heraufzuführen. Der Bau der Neuen Wache eröffnete den Reigen seiner Bauwerke, gerade sowie einst vor anderthalb Jahrhunderten der Bau des Zeughauses auch Schlüters Bahn eröffnet hatte. Aber nicht mehr den Werken der römischen Kunst wurde das neue Bauwerk genähert, sondern die klaren, gereiften Formen hellenischer Kunst mussten dienen, die Kunstideen Schinkels auszuprägen.

Die Königswache schloss unter den Bauwerken der denkmalreichsten Straße Berlins eine Lücke und der Bau der prachtvollen Schlossbrücke, welche den würdigsten Zugang zum Königsschlosse eröffnete, gab ihr endlich die letzte künstlerische Vollendung.

Doch der fortdauernde Friede und der wachsende Wohlstand des Staates trieben zu neuen Bau-Unternehmungen in Berlin. Schon nach wenigen Jahren erhob sich ein zweites, ungleich großartigeres Bau-Denkmal: das Schauspielhaus auf dem Gensdarmenmarkte, wieder zwischen vorhandenen Monumenten eine Lücke füllend und wieder das schöpferische Talent eines mächtig aufstrebenden Geistes bekundend. Denn so wie Schlüter beim Schlossbau aus älteren Teilen ein neues Ganze hatte erschaffen müssen, wurde auch Schinkel veranlasst, die Fragmente des älteren abgebrannten Theaters zu benutzen. Gereiften Künstlern sind einschränkende Bedingungen weniger eine Fessel als ein Sporn für um so kräftigere Gestaltung. Auch Schinkels Schauspielhause sieht Niemand jetzt an, dass die Plananlage und damit Ausdehnung und Umfang durch erhaltene Mauern und Fundamente aufs Engste vorgeschrieben war. Die Harmonie des Ganzen, die Schönheit des Einzelnen, der sinnvolle Bilderschmuck, alle diese Eigenschaften vereinigen sich, um diesem Bauwerke einen Ehrenplatz in der Geschichte der modernen Baukunst einzuräumen. Im Schauspielhause hatte die darstellende Kunst ein ihrer würdiges Asyl gefunden, noch fehlte es der bildenden Kunst und ihren Werken an einem solchen. Schwierig war die Wahl des Bauplatzes, doch Schinkels Scharfblick erkannte kühn das Richtige und schuf seinem Museum einen neuen Bauplatz in der herrlichsten Lage der Residenz. Da, wo früher der Lustgarten von einem Spreearme durchflossen wurde, errichtete er kühn und sicher sein neues Bauwerk, dem Schlosse des Herrschers gegenüber, dessen Munifizenz so unvergängliche Schöpfungen ins Leben rief. Kein Bauwerk zeigt so sehr die weise Sparsamkeit in den Mitteln, die selbstgewollte Beschränkung, und dabei gleiche Klarheit der Anlage, Einfalt und stille Größe im Aufbau.

Neben einer gediegenen Herstellung der reifen hellenischen Kunstformen in Sandsteinbau vergaß doch Schinkel gleichfalls nicht, den erstarkenden Gewerbsfleiß zu den vaterländischen Materialien hinzuführen. Wie Berlins urälteste Baukunst mit der Behandlung des spröden Granits begonnen hatte, so wurde auch diesem Material durch die gesteigerte Technik ein seltenes Kunstwerk abgerungen, die große Schale von Granit, die ein Sinnbild vaterländischen Gewerbsfleißes den Platz vor dem Museum schmückt. Nicht minder interessierte ihn der Backsteinbau, der so herrliche Denkmale des Mittelalters in der Mark hinterlassen hatte. Als Knabe hatte ihn die wunderbar schöne Klosterkirche zu Neu-Ruppin oft entzückt, zum Jüngling war er aufgewachsen hier in den Räumen des grauen Klosters, als Mann griff er mit vollem Bewusstsein zu dem alt vaterländischen Materiale zurück. Schon bei dem Bau der Werderschen Kirche, mehr noch bei dem der Bau-Akademie, erweckte er den Backsteinbau zu neuem Leben und fernerer Entwickelung. Paläste, Tore und Häuser, Grabes- wie Siegesdenkmäler und eine unabsehbare Fülle von kleineren Monumenten sind Zeugnisse seines schöpferischen Talents, seiner weitumfassenden Tätigkeit. Schinkel hat die lange und gesegnete Regierung eines Fürsten, der die geistige wie materielle Entwickelung seines Landes mit gleicher Liebe umfasste, baukünstlerisch verewigt. Groß und herrlich hat König Friedrich Wilhelm III. Berlin übernommen, größer und herrlicher hat er die Stadt, durch Schinkels Geist von Neuem reich befruchtet, hinterlassen. Der Künstler überlebte zwar den König, aber nicht lange; ein schweres geistiges Leiden kürzte seine Tage. Beide wussten aber, als sie aus dem Leben schieden, dass ihre geistigen Aussaaten nicht ohne fernere Pflege bleiben würden. Denn dem kunstpflegenden Vater folgte ein hochbegabter Sohn, ein kunstgebildeter König, und an die Wirksamkeit des Meisters schloss sich die Tätigkeit befreundeter Genossen, dankbarer Schüler an.

So erhielt sich unter dem Szepter Friedrich Wilhelms IV. eine fortdauernde Blüte der Baukunst zu Berlin. Des Monarchen Scharfblick sah die Hauptstadt durch die Eröffnung neuer Verkehrswege, durch den Aufschwung des Handels, durch eine gesteigerte Entwickelung der Industrie zu einer Weltstadt heranwachsen. Mit freudiger Teilnahme folgte er jeder Regung des Kulturlebens, das sich äußerte. Mit neuen Wasserstraßen lies er Berlin umziehen, und das Nützliche mit dem Angenehmen verbindend, ihre Ufer mit schattigen Alleen bepflanzen. In gleichem Sinne wurde der Tiergarten durch Lennes Meisterhand verjüngt und mit ausgedehnteren Anlagen dem Naturgenusse der Bewohner Berlins überlassen. Der Wohltätigkeitssinn, der des Königs Herz erfüllte, drängte ihn in Gemeinschaft mit seiner Gemahlin eine großartige neue Heilanstalt Bethanien zu gründen, und die christliche Krankenpflege zu gesegneter Wirksamkeit darin einzusetzen. Aber sowohl bei dieser Bauanlage des realen Bedürfnisses, wie bei anderen verwandten Anlagen, den Mühlen, Gefängnissen, Kasernen, Chausseehäusern, ersehen wir des Königs liebevolle Sorge, eine jede derselben künstlerisch durchzubilden, damit ein jedes Bauwerk seiner Regierung neuer Schmuck, neue Zierde für die Hauptstadt Berlin sein möchte. Nicht weniger dünkte es ihm Königspflicht, für die geistigen Interessen, wie für die religiösen Bedürfnisse seines Volkes zu sorgen. So erstanden die monumentalen Bauwerke von Stüler, dem königliche Huld und Teilnahme ein reiches Feld der Tätigkeit erschloss, das neue Museum mit seinen glänzenden Kunsthallen, die St. Matthäus-, St. Markus-, St. Bartholomäus-Kirche und die Kapelle in dem Ahnenschlosse, welche neben den erneuerten Prachtsälen der schöne Schlussstein eines herrlichen Ganzen ist. Und wie der König die Vollendung der Schlossbrücke veranlasste, neue Heldendenkmale den älteren hinzufügte, Schinkels Museum mit Freskobildern schmücken lies, so gab er dem prachtvollen Opernplatze eine neue sinnvolle Weihe durch die Errichtung des kolossalen Reiterbildes Friedrichs des Grossen, an welchem die Zeitgenossen des Preußenkönigs ihren würdigsten Platz und eine gemeinsame Stelle fanden.

An eine so fruchtbare königliche Bautätigkeit schlossen sich nicht minder bedeutende Werke des Kommunal- und Privatbauwesens an. Auf kirchlichem Gebiete zeugen die St. Andreas- und St. Petri-Kirche von Strack, St. Michaels-Kirche von Soller von der reichen, vielseitigen Begabung dieser Meister, während Knoblauchs, Stracks und Hitzigs gediegene Leistungen auf dem Gebiete des Privatbaues zu einer vollständigen Regeneration dieses so lange und so sehr vernachlässigten Gebietes geführt haben. Selbst bis zu den realen Bedürfnisbauten, der Anlage technischer wie industrieller Etablissements hat sich der mächtige Einfluss, den eine von begabten Meistern schwungreich betriebene Bautätigkeit stets auszuüben pflegt, fortgepflanzt, und gerade auf diesem Gebiete verbürgt Berlins so wesentlich veränderte Stellung als Hauptsitz des Handels, als Zentralpunkt der Industrie, eine reiche und vielversprechende Zukunft. Eine solche wird auch nicht ausbleiben, aber sie kann nur da anknüpfen, wo die lebendige kunstbegeisterte Wirksamkeit König Friedrich Wilhelms IV. aufgehört hat.

Mit Trauer sagen wir, sie hat aufgehört, denn in den jüngsten Tagen ist der Königliche Herr, der Freund der Wissenschaft, der Pfleger in der Kunst, entschlafen. Das Vaterland trauert, denn ein treues Herz, ein heller Geist, ein kunstbegeisterter Sinn ist ihm entrissen. Auch ziemt es sich wohl, an dieser Stelle auszusprechen, dass das germanische Museum zu Nürnberg, dieser Zentralpunkt für kunst- wie kulturgeschichtliche Forschungen einen teilnehmenden, warmen Beförderer seiner auf wissenschaftliche Einigung gerichteten Bestrebungen in König Friedrich Wilhelm IV. verloren hat.

Blicken wir nun zurück auf Berlin und seine Bauwerke! Welch eine Fülle von Erinnerungen, welch ein Reichtum von Geschichte haftet an diesen Denkmalen, den Zeugen einer so bewegten, so reich gestalteten Vergangenheit. Aus dem wendischen Dorfe, aus der bescheidenen deutschen Landstadt ist Berlin — erst durch eigene Tätigkeit, dann durch seiner Fürsten Kunstsinn zur ersten Stadt Deutschlands, zur Metropolis in Wissenschaft und Kunst erwachsen.

Und blicken wir in die Zukunft — so gestalten sich unsere Gedanken zu einem warmen Segenswunsche, den wir der Landeshauptstadt, der Vaterstadt mit freudig bewegtem Herzen zurufen. Möge es Berlin nie fehlen, weder an kunstsinnigen, tatkräftigen Fürsten, noch an hochbegabten, genialen Meistern!