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Überdies war Eosanders Wirksamkeit zu kurz, um ihn eingehender zu beurtheilen, aber für Berlin und seine Entwickelung hat er wenig geleistet. Viel wichtiger sind die Bauanlagen, welche Berlin dem bedeutenden Vorgänger Schlüters — dem Ober-Baudirektor Nehring — verdankt, denn die eigentümlich großartige Gestaltung der Parochialkirche so wie die zweckmäßige Anlage der Kolonnaden und Kaufläden des Mühlendammes lassen ein vielseitiges Talent erkennen. Andere große Bauwerke Nehrings, wie das prächtige Leipziger Tor und der in der Form eines römischen Amphitheaters mit Sitzplätzen und Säulengängen 1693 erbaute Hetzgarten, in welchem Tierkämpfe veranstaltet wurden, sind leider untergegangen, können aber aus vorhandenen Abbildungen genügend beurteilt werden. Auch diese Bauanlagen geben Zeugnis von der höchst bedeutenden und energischen Bautätigkeit am Schlusse des 17ten Jahrhunderts. König Friedrich I. starb 1713 und es folgte Friedrich Wilhelm I., auf politischem wie künstlerischem Gebiete der volle Gegensatz des Vaters. Seine verständige, landesväterlich gesinnte, aber praktisch einseitige Natur verfolgte andere Ziele als der kunst- und prachtliebende Vater. Ihm galt jeder nicht kirchliche Kunstbau als Verschwendung; auf die Erfüllung der realen Bedürfnisse des Landes war seine Tätigkeit fortdauernd gerichtet. Urbarmachung wüster Ländereien, Vermehrung der Einwohner, Hebung des Landes, Förderung der Industrie, Erweiterung der Städte, das waren die Ideale, zu deren Verwirklichung eine gute Finanzverwaltung und ein ökonomisch gesammelter Staatsschatz diente. Der einzige Luxus, den Friedrich Wilhelm I. für erlaubt hielt, war ein stehendes wohlgeschultes Heer, dessen Pflege und Ausbildung ihn ununterbrochen beschäftigte. Was Wunder, dass diese so kräftige und so praktische Persönlichkeit die Baukunst von Berlin jahrelang beherrschte und sich in derselben ausprägte. So sehen wir unter seiner Regierung das noch immer als Festung geltende Berlin sich mit weitgedehnten Vorstädten auf der Nord-, Westund Südseite bebauen. Schon unter Friedrich I. waren Häuser und Plätze auf der Friedrichsstadt und Spandauer Vorstadt entstanden, aber erst unter Friedrich Wilhelm I. erfolgte, veranlasst durch die starke Einwanderung französischer Flüchtlinge, eine regelrechte Bebauung. Der König erkannte ihre Bedeutung und sorgte nicht nur für Pflasterung und Ummauerung der neuen Vorstädte vom Schlesischen Tor bis nach dem Brandenburger Tor, sondern durchbrach die Walllinien und überbrückte den Festungsgraben an der Spittel- und Jägerbrücke. Sein Eifer zwang den Adel, die Räte, die Bürger und Zunftgenossen zu ununterbrochener Bautätigkeit. Die Markgrafen- und Wilhelmstraße wurden nur von höheren Staatsbeamten erbaut und hießen daher mit Recht das Geheimratsviertel. Glücklicherweise wurden bei dem energischen Wachstum der Stadt der Dönhofsplatz und der Gensdarmenmarkt als Paradeplätze gerettet. Für Boulevards, die aus den alten Wällen so leicht hätten gewonnen werden können, interessierte sich der ökonomische Sinn des Königs nicht, er wollte vorläufig nur steinerne Häuser und Kasernen. Beides entstand auch im weitesten Sinne des Worts, freilich sehr zum Schaden der Kunst, deren geringe Höhe selbst Luxusbauten, wie die Georgen-, Sophien-, Jerusalems-, Böhmische- und Dreifaltigkeits-Kirche deutlich bezeichnen. Der größte Segen für die Baukunst war es, dass die noch immer teilweise konservierte Festung der Baulust seines Nachfolgers große Räume offen hielt.