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Einen besseren Pfleger und Freund konnte die verjüngte Stadt nicht finden als Friedrich III. Wenn der Vater der Stadt das Gute gegeben hatte, so gab ihr der Sohn das Schöne. Durch seine Bildung und seinen Kunstsinn erwachte plötzlich in Berlin eine Bautätigkeit, welche nicht nur die notwendigsten Bedürfnisse zu befriedigen suchte, sondern sich gleich von vornherein an den mächtigsten Aufgaben der monumentalen Kunst versuchte. Was Friedrich III. in zwanzig Jahren erbaut hat, würde uns unglaublich erscheinen, wenn wir nicht wüssten, dass er die besten Kräfte für seine Aufgaben heranzog. Begabte Künstler wollen gesucht sein, — sie wachsen nicht immer und überall, aber dass er sie fand und für seine großen Ideen verwendete, ist sein Verdienst und es bleibt Ehrensache für Berlin, des letzten Kurfürsten als eines Mannes zu gedenken, dessen Kunstsinn und Tatkraft auf künstlerischem Gebiete in zwanzig Jahren mehr geleistet hat, als vier Jahrhunderte vor ihm. Gleich der erste bedeutende Bau, den er 1692 begann, bekundet die Großartigkeit von Friedrichs Ideen. Die lange Brücke, welche Berlin und Köln verband, war vor nicht langer Zeit im Jahre 1661 als einfacher Holzbau erneuert worden. Friedrich beschloss, dieselbe nicht nur solider in Sandsteinen zu erbauen, sondern gleichzeitig ein monumentales Kunstwerk daraus zu machen, welches den Nachruhm seines großen Vaters verherrlichen sollte. In diesem Sinne wölbte Nehring die fünf mächtigen Joche in Sandsteinquadern, indem er das mittelste weit hinausrückte, und mitten darauf stellte Schlüter 1706 das Heroenbild des großen Kurfürsten. Es war der bestgewählte Platz für das Gedächtnismal des Mannes, welcher begeistert für alles, was den Niederlanden entstammte, in seine Staaten den Festungs-, den Brücken-, den Schleusen- und Kanalbau der Niederländer übertragen hatte, der selbst im Handel und Schifffahrt mit diesen berühmten Seefahrern zu konkurrieren suchte. Kein Hohenzoller hat so viel Neigung für Mechanik und Wasserbau gehabt wie er, darum ziemte ihm auch der ideale Ehrenplatz auf stolzer Brücke, an dem Handel und Wandel noch heut vorbeifluten. Und das Denkmal selbst! — Wo ist in der modernen Kunst, in ganz Europa ein zweites, welches die geistige Größe mit physischer Kraft so wunderbar verschmolzen zeigt, aus dem die Majestät des Fürsten so ergreifend hervorleuchtet? Mit dem Bau der Kurfürstenbrücke, dieser gemeinsamen Schöpfung von Baukunst und Skulptur, trat der brandenburgische Staat in die Reihe kunstpflegender Staaten ein. Dieses Denkmal ist daher der Anfang einer kunsthistorischen Epoche für Preußen. Der erst seit 1692 in brandenburgische Dienste getretene Bildhauer Schlüter ist sich der seltenen Größe und der tiefen Bedeutung der schweren Aufgabe in vollem Maße bewusst gewesen, denn er hat sie mit dem Ernste und der Hingebung gelöst, welche nur großen und gereiften künstlerischen Naturen eigen ist. Und schon während dieser Arbeit traten andere, nicht minder große Aufgaben an ihn heran. Die Festung Berlin bedurfte eines Arsenals, das hatte schon der große Kurfürst entschieden. Der Ideenreichtum des Sohnes erweiterte aber diese Aufgabe dahin, dass das neue Gebäude nicht dem nackten Bedürfnisse dienen, sondern ein monumentaler Kunstbau werden sollte, würdig des Ruhmes der brandenburgischen Waffen, die er selbst zur Verteidigung der deutschen Reichsfreiheit 1689 am Rhein so glorreich geführt hatte. Zwei Baukünstler de Bodt und Nehring teilen sich in den Ruhm der einfach großartigen Bauanlage, aber wieder war es Schlüters Genius beschieden, durch die Fülle tiefsinnigen Bildschmuckes außen und innen dem Gebäude den höchsten Stempel der Kunst aufzuprägen. Die Bauausführungen des Zeughauses von 1695 — 1698 sowie des schönen Schlosses zu Charlottenburg von 1695 — 1696 hatten Schlüters architektonisches Talent deutlich zu erkennen gegeben. Daher zögerte der fürstliche Bauherr nicht, gerade diesem Meister die größte baukünstlerische Aufgabe, welche er überhaupt zu bieten hatte, anzuvertrauen. Denn in Friedrichs Seele war inzwischen der Gedanke gereift, in Berlin sich und seinem Herrscherhause ein neues Residenzschloss zu erbauen. Und wie seine diplomatischen Bestrebungen schon damals darauf gerichtet waren, seine Souveränität mit der Königskrone zu weihen, so sollte auch dieses Schloss der glänzenden Entfaltung seines Königshofes dienen. Dabei war freilich die für jeden mittelmäßigen Baukünstler harte Bedingung hinzugefügt, dass von dem alten, aus den verschiedensten Zeiten stammenden Burg- und Schlossbaue so viel erhalten werden sollte als möglich. Dadurch war aber nicht nur Ausdehnung und Umfang, sondern auch Lage der Treppen und Auffahrten an den meisten Punkten fest bestimmt, ja durch das lange Flügelgebäude des Schlossplatzes aus Joachim II. Zeit, selbst die Fensteraxenteilung gegeben. Was nun Schlüter in einer siebenjährigen Bauzeit bei sehr knappen Geldmitteln und bei einer Fülle von Verwaltungsgeschäften und eigenen Kunstarbeiten geleistet hat, mit welchem Talent er Altes und Neues harmonisch verbunden, mit welchem Ideenreichtum er das Innere und Äußere ausgestattet hat, kann nur derjenige beurteilen, welcher eine spezielle Kenntnis des alten Schlossbaues besitzt und den älteren Bau mit Schlüters Schöpfung vergleicht. Was aber Jedem, Einheimischem wie Fremdem, Kunstkenner wie Laien, bei der Betrachtung des Schlosses sofort und unleugbar entgegentritt, ist der Ausdruck grandioser imponierender Einheit. Wer erkennt nicht, dass die hochfliegenden Pläne des neuen Königs, aus Preußen einen einheitlichen geschlossenen Staat zu machen, durch Schlüters Geist im Schlossbau verkörpert worden sind? Man blicke auf die Hofburg von Wien, jenes Konglomerat von Flügeln, Pavillons und Höfen, und vergleiche damit das in sich geschlossene, auf tief durchdachtem Plane ruhende Königsschloss zu Berlin, so erkennt man, dass die Baukunst den Gegensatz beider Staaten, beider Höfe, nicht schlagender charakterisieren konnte. Das Schloss zu Berlin ist der Gipfelpunkt der profanen Baukunst des 18. Jahrhunderts in Deutschland. Zwar gibt es eine Fülle von trefflichen ausgedehnten prachtvollen Fürstenschlössern aus jener Zeitepoche, aber keins derselben ist an Ernst, Würde und Hoheit dem Berliner Schlosse zu vergleichen. Doch derselbe Schlossbau, der Schlüter auf die Höhe des Ruhmes trug, wurde auch Veranlassung seines Sturzes und seines viel zu frühen Todes.

Ein an der Lustgarten-Ecke des Schlosses befindlicher Turm der Wasserkunst sollte erst verstärkt, dann auf speziellen Wunsch des Königs zu der schwindelnden Höhe von fast vierhundert Fuß empor geführt werden, um ein in Holland angekauftes großes Glockenspiel darin aufzuhängen. Obgleich Schlüter aus technischen Gründen gegen den Bau protestierte, verharrte des Königs Eigenwille, wahrscheinlich von Neidern des Schlüter'schen Ruhmes bestärkt, auf der Ausführung des phantastischen Projekts. Der Bau misslang trotz aller technischen Mittel, die enormen Baukosten gingen verloren und Schlüters Stellung als Ober-Baudirektor war nicht mehr haltbar. Er trat zurück, um noch einige Jahre in Berlin als Hofbildhauer von seiner Hände Arbeit zu leben. Doch die Schwungkraft seines Geistes war gelähmt, das Feld einer unsterblichen Tätigkeit unwiederbringlich verloren, ein früher Tod zu Petersburg 1714 erlöste ihn von den bitteren Erfahrungen seiner Wirksamkeit zu Berlin. Wenige Künstler gibt es, deren Leben so wechselnde Kontraste bietet, deren ruhmgekrönte Tätigkeit so tragisch abschließt. Unter seinen Zeitgenossen blieb Schlüter eine einsame unverstandene Erscheinung, an seinem genialen Gedankenfluge übten damalige Gymnasial-Professoren ihre beschränkte Kritik, und es ist eine bezeichnende Tatsache, dass kein Bildwerk, kein Gemälde, kein Kupferstich die äußere Erscheinung dieses Kunstheroen uns überliefert hat. Man hat ihn vergessen wollen, — aber die Steine reden, wenn Menschenzungen schweigen, seine Kunstwerke haben Berlin zur Königsstadt gemacht, Berlins Ruhm ist sein Ruhm für alle Zeiten! Und wer Schlüters seltenes Talent, seine Bildung, sein Wissen tiefer erkennen will, der muss die nur in Fragmenten erhaltenen Entwürfe zu einem prachtvollen Dome, zur Verbindung des Schlossplatzes mit der Jägerstrasse, die Projekte für Tore, Brücken, Kirchen und Schlösser genauer betrachten und darf weder die in Berlin noch vorhandenen Privatgebäude, noch die herrlichen Grab- und Ehren-Denkmäler in hiesigen Kirchen übersehen.