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Um aber diesen Erfolg für alle Zukunft zu sichern, bedurfte es eines innigen Zusammenschlusses aller Kräfte des Landes zum Wohl des Ganzen. Dieser Absicht widersetzten sich im Gefühle ihrer Selbstständigkeit die Städte, Berlin an der Spitze. Schon 1412 wagten es die alten Geschlechter, dem Kurfürsten entgegen zu treten und ihm das Öffnungsrecht der Tore zu verweigern. Aber ihr Widerstand konnte sich nicht lange behaupten, innere Zwietracht führte die Lösung herbei. — Von der Bürgerschaft, welche mit dem Gesamtrate über die innere Verwaltung haderte, 1442 gerufen, erschien Kurfürst Friedrich II., beseitigte den alten Rat, setzte ein neues Regiment ein und nahm bei fortdauerndem Aufruhr der Parteien beiden Städten ihre wichtigsten Vorrechte.

Der Bau einer festen Burg zu Köln, der 1443 begonnen und 1451 beendigt wurde, besiegelte die Unterwerfung. Nichts charakterisiert deutlicher den veränderten Zustand, als die Vergleichung der festen, von Mauern und Türmen geschirmten Hohenzollernburg an den Ufern der Spree mit dem unbefestigten, patriarchalisch ausgestatteten Hofe der Markgrafen in der Klosterstrasse.

Aber dasselbe Fürstengeschlecht, welches Berlin so tief demütigte, dass es an Ansehen und Vorrechten einer Landstadt glich, war vom Geschick berufen, es zur Hohe einer europäischen Hauptstadt zu erheben. Ein seltenes Beispiel in der Geschichte!

Schon derselbe Fürst, dessen Willenskraft ihm den Beinamen „mit den eisernen Zähnen“ gab, eröffnete nach fast vierzigjährigem Stillstande eine neue Bautätigkeit zu Berlin. Frommen Sinnes erbaute er auf seinem Schlosse die noch erhaltene St. Erasmus-Kapelle 1451 und erhob dieselbe 1469 zu einem Kollegiatstift. Und wie er selbst schon 1443 auf dem Harlunger Berge bei Brandenburg zum Lobe der Himmelskönigin Maria die Kapelle des Schwanenritterordens erbaut hatte, so beförderte er den Bau der Liebfrauenkapelle, welche 1452 sein Küchenmeister Ulrich Zeuschel neben der St. Nikolauskirche gründete. Diese schöne nach der Poststrasse hinaus belegene Doppelkapelle giebt mit ihren zierlichen Giebeln ein lebhaft gesteigertes Kunstgefühl zu erkennen und ist deshalb für Berlin ein nicht unwichtiges kunsthistorisches Denkmal. Auch blieb dieser erste Anstoss nicht ohne Nachwirkung. Schon acht Jahre darauf entschlossen sich die Vorsteher der St. Nicolaikirche zu einem Abbruch und Neubau ihrer baufällig gewordenen alten Pfarrkirche. Wenn auch eine genaue Untersuchung lehrt, dass kein wirklicher Neubau erfolgte, so umfasste der siebenundzwanzig Jahre dauernde Umbau eine beträchtliche Herstellung. Alle Gewölbe, eine große Anzahl von Fenstern, die auf der Nordseite belegene heilige Kreuzkapelle und Stücke der Obermauern wurden erneuert und die Kirche empfing durch den Umbau ihre jetzige Gestalt. Auch dieser Bau lehrt, dass man in Berlin dem althergebrachten Prinzip einer großen Schmucklosigkeit treu blieb, und noch mehr ist dies an dem schweren viereckigen Glockenturme erkennbar, welcher am Schlusse des 15ten Jahrhunderts der Marienkirche angebaut und zur Erinnerung an verheerende Pestjahre mit den Wandmalereien eines in unseren Tagen wieder aufgedeckten Totentanzes geschmückt wurde.

Besser gestaltet erscheinen das schöne Sterngewölbe der heiligen Geistkirche von 1476, welchem der wenig ältere Kapitelsaal von 1474 sowie der größere Konventsaal von 1516 im grauen Kloster sich anschließen.

Aber die eintretenden Vorboten einer neuen religiösen Entwicklung des deutschen Geistes berührten schon die Mark und unterbrachen diese Keime einer reiferen künstlerischen Bautätigkeit.

Neben der gesteigerten und übertriebenen Heiligen-Verehrung der höheren Stände entwickelte sich Gleichgültigkeit gegen die vielen Festtage unter Bürgern und Volk, während der wissenschaftliche, durch die Universitäten heranreifende Geist die päpstliche Autorität seiner Kritik unterwarf. Mitten in der Steigerung dieser Gegensätze führte Kurfürst Joachim II. die von seinem Vater beabsichtigte Herstellung eines Domstiftes aus, indem er die auf dem Schlossplatze belegene Dominikanerkirche prachtvoll zur Kreuzkirche mit hohen Giebeln und Türmen 1536 umbaute und dieselbe zur Gruftkirche der Hohenzollern bestimmte. Aus diesem Grunde wurde der ganze Bau mit kostbarem Kirchengerät ausgestattet und als höchster Schmuck im hohen Chore das prachtvolle erzene Doppeldenkmal aufgestellt, welches von Peter Vischer's Sohn, Johannes, 1530 zu Nürnberg gegossen, jetzt eine besondere Zierde unserer Domkirche ist. Dies war der letzte Bau des katholischen Mittelalters zu Berlin. Schon vier Jahre darauf wurde in dieser neuen Domkirche zum heiligen Kreuz das Abendmahl unter beiderlei Gestalt gereicht und damit diese wie alle übrigen Kirchen und Kapellen dem protestantischen Kultus übergeben.

Ein langer Stillstand erfolgte hierauf in der kirchlichen Baukunst zu Berlin. Einesteils lag eine direkte Veranlassung für kirchliche Neubauten nicht vor, da die vorhandenen Kirchen für die Einwohnerzahl völlig genügten, andererseits ergriff und bewegte die Reformation die Gemüter so mächtig und andauernd, dass eine geistige Sammlung, aus welcher allein künstlerische Bestrebungen hervorgehen können, auf lange Zeit verhindert wurde.

Mehr Veranlassung boten die Bedürfnisse des fürstlichen wie bürgerlichen Lebens. So finden wir den kunst- und prachtliebenden Joachim II. schon seit 1538 beschäftigt, die alte wehrhafte Hohenzollernburg in ein fürstliches Schloss umzubauen und stattlich zu erweitern. Dieser Bau war für die ganze Baukunst von Berlin insofern von wesentlicher Bedeutung, als mit demselben die gotischen Stil formen des Mittelalters verlassen und neue aus Italien stammende Kunstformen der Renaissance eingeführt wurden. Noch folgenschwerer war der Umstand, dass man die neuen Kunstformen großenteils in Sandstein herstellte und den Backstein nur zum Kernmauerwerk verwendete. Damit wurde diesem vaterländischen Materiale eine fernere künstlerische Pflege entzogen und sehr zum Schaden der Berliner Baukunst der billige aber unsolide Putzbau eingeführt.

Eine Anschauung des Joachim'schen Schlossbaues gibt der nach der langen Brücke belegene Teil der Wasserseite des Schlosses, und noch besser erhalten, aber viel kleiner, das von demselben Baumeister Kaspar Theiss erbaute Jagdschloss Grunewald.