mein-berlin.jpg
Dieser altgotische, mit großer Sparsamkeit, aber lebhaftem Kunstgefühle ganz in Backsteinen durchgeführte Bau muss als der wertvollste und gediegenste Bau des Mittelalters in Berlin betrachtet werden. Ohne Zweifel hat das daran entwickelte System von leichten, aber feuersicheren Decken, deren Struktur nur der Backsteinbau ermöglichte, in Berlin wohlverdienten Beifall gefunden, denn fortan sehen wir nicht nur die Gewölbe, sondern Pfeiler und Wände an den öffentlichen Gebäuden, selbst an Toren und Ringmauern in Backsteinen ausgeführt. Mit der Adoptierung des Backsteinbaues begann für Berlin wie Köln erst eine höhere künstlerische Entwicklung in der Baukunst. Aber die Fortschritte waren langsam, und die besten städtischen Leistungen, wie der vor Ablauf des 13ten Jahrhunderts noch ausgeführte Bau eines stattlichen Rathauses an der Ecke der Königs- und Spandauerstrasse, sind niemals über den trefflichen Bau der Franziskaner hinausgegangen, zumal diese Klosterkirche durch einen im Jahre 1345 hinzugefügten polygonen Chor einen architektonischen Schmuck empfangen hatte, der sie den edelsten Bauwerken der Mark ebenbürtig macht. Dass aber die Klosterkirchen in allen Städten der Mark ebenso rationell wie gediegen erbaut wurden, findet seine Erklärung in der Tatsache, dass in der ersten Zeit der begeisterten Ordensverbreitung eine Fülle von Kirchen notwendig wurde, dass also die Brüder in steter Baupraxis blieben, und dass ihre weitreichenden Verbindungen es möglich machten, die besten Zeichnungen und Werkmeister zu erhalten.

Wenn man nun daran denkt, dass auch die Dominikaner in Köln auf dem Schlossplatze eine stattliche Klosterkirche mit drei gleich hohen Schiffen ebenfalls in gewölbtem Backsteinbau um 1280 erbaut hatten, so kann es nicht befremden, dass die städtischen Werkmeister zu Berlin und Köln diese trefflichen Vorbilder gern studierten, aber auch häufig wiederholten.

Wir finden daher die zierliche Kapelle des heiligen Geist-Hospitals in der heiligen Geistgasse um 1300 in Backsteinen erbaut und in ihren Fenstern und Blenden wie die Klosterkirchen ausgestattet. Ja, als beide Berliner Pfarrkirchen St. Nikolaus und St. Maria der gestiegenen Einwohnerzahl halber 1330 und 1340 erweitert und umgebaut werden mussten, wurde zwar das alte Granitmaterial aus Sparsamkeit von Neuem verwendet, aber das Prinzip der Hallenkirchen angenommen und das System der Pfeiler und Fenster denen der Klosterkirche nachgebildet. Wir würden dies noch besser beurteilen können, wenn nicht das Jahr 1380 einen verderblichen Brand gebracht hätte, der bei der Enge der Straßen, dem Fachwerksbau der mit Schindeln oder Rohr gedeckten Häuser und bei dem Mangel eines geordneten Feuerlöschwesens einen ungeheuren Umfang gewann und das alte Berlin in Asche legte. Nur die Klosterkirche wurde gerettet, auch Köln blieb verschont, aber die kaum vollendeten Pfarrkirchen St. Maria und St. Nikolaus mussten in Dächern, Gewölben und Obermauern erneuert werden. In Folge dieses Brandes wurde die Nikolaikirche, welche schon seit 1375 einen neuen Chor empfangen hatte, eilig und mittelmäßig vollendet. Besser erging es der Marienkirche, welche nach 1380 neu überwölbt und 1405 beendigt wurde. Doch dauerte es noch lange Jahre, ehe man an die Erbauung des schon 1418 beabsichtigten Glockenturmes denken konnte; erst im Jahre 1434 wurde das noch vorhandene eherne Taufbecken angeschafft.

Inzwischen war die Stadt Köln nicht müßig gewesen, ihrer Pfarrkirche St. Peter durch einen umfassenden Neubau von 1378 ab, ein den gesteigerten Anforderungen entsprechendes Äußere zu geben und dieser in Abbildungen bekannte Bau war zwar reicher ausgestattet, aber im Wesentlichen wieder nur eine Kopie der schönen St. Stephanskirche zu Tangermünde.

Wenn man zu diesen Bauwerken noch die vor den Toren belegenen Hospitäler und Kapellen St. Gertrud und St. Georg, sowie die Rathäuser und Tore beider Städte hinzufügt, so hat man den summarischen Inhalt der gesamten städtischen Bautätigkeit bis zum Jahre 1442, wo die freie Selbstverwaltung der Stadt aufhörte. Über das Rathaus zu Köln und die Tore in beiden Städten kann man fehlender Abbildungen halber nicht urteilen, aber die Kapellen St. Gertrud von 1405 — 1411 und St. Georg schon 1331 erbaut (auf deren Stelle jetzt die Spittelkirche und Georgenkirche stehen), waren sehr bescheidene Bauwerke in hergebrachter, einfacher und billiger Form.

Vergleicht man nun unbefangen die genannten Bauwerke, welche die Städte Berlin und Köln im Laufe von zwei Jahrhunderten bei fast unabhängiger Selbstständigkeit aus ihren Mitteln errichtet hatten, mit den entsprechenden Bauwerken anderer Städte der Mark, wie Brandenburg, Stendal, Prenzlow oder Frankfurt, so tritt die Berlin-Kölner Baukunst an Zahl, Umfang und künstlerischer Bedeutung sehr zurück. Diese Tatsache fällt um so schwerer ins Gewicht, wenn man erwägt, dass Berlin nach dem Aussterben der Anhaltinischen Fürsten während der schwachen Regierung der Baiern und Luxemburger das Haupt des märkischen Städtebundes geworden war, dass es als permanenter Versammlungsort der Landstände wie ein Zentralpunkt der Landesverwaltung erscheint, dass es durch seine gute Lage und große Handelsvorrechte begünstigt, eine zahlreiche und wohlhabende Bürgerschaft umschloss, und dass es den regierenden Geschlechtern weder an Tatkraft noch Selbstvertrauen fehlte.

Wenn aber alle diese günstigen Vorbedingungen doch zu keinem größeren Resultat geführt haben, als das ist, was vorliegt und was trotz aller Lücken noch sehr wohl erkennbar ist, so bleibt nur die Annahme übrig, dass im Mittelalter eben so sehr den Bürgern Berlins der begeisterte Kunstsinn gefehlt hat, welcher zum Schmucke und zur Verherrlichung der Vaterstadt sein Bestes hergibt, als es andererseits der Einsicht der städtischen Behörden nie gelungen ist, für ihre Bauausführungen die rechten Kräfte zu finden.