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Wahrscheinlich von Süden her, aus der Zauche und dem Teltow erfolgte die erste Ansiedelung unter dem Schutze der siegreichen Waffen der Anhaltinischen Fürsten. Die vorwärts dringenden Deutschen fanden auf der Spree-Insel ein wendisches Dorf Kolne, das jetzige Köln vor, in dessen östlichem Teil (der Fischerstraße) die verachtete und gemiedene slawische Bevölkerung sich zusammendrängte, während von deutschen Händen daselbst die erste Pfarrkirche dem heiligen Petrus, dem Schutzpatrone der Fischer erbaut wurde. Aber die zur Anlage einer größeren Stadt ungleich günstiger belegene sandige Uferstelle, „to dem Berlin“ genannt, bald erkennend, zögerten die Deutschen nicht, überschritten die Spree und erbauten für die deutsche Stadt Berlin an dem Markte eine Pfarrkirche, welche dem Schutzpatrone der Kaufleute und Schiffer, dem heiligen Nikolaus, geweiht wurde.

Beide Städte wurden gleich nach erfolgter Gründung durch provisorische Befestigungen geschützt und die notwendigen Mühlen an dem trennenden Spreearme zwischen beiden, dem jetzigen Mühlendamme angelegt. Die für den Handel günstige Lage, sowie die rasch bis zur Oder und der Uckermark vordringende Eroberung der Markgrafen, welche der deutschen Einwanderung neue Gebiete erschloss, gab beiden Städten, namentlich Berlin, eine überraschend schnelle Entwickelung. So finden wir nicht nur vor Ablauf des 13. Jahrhunderts einen zweiten Markt, „den neuen Markt“ angelegt und eine zweite Pfarrkirche St. Maria erbaut, sondern auch Berlin durch starke Mauern und Tore, Wälle und Gräben vor jedem feindlichen Einfall gesichert. Die Richtung der heutigen Neuen Friedrichsstraße von der Waisenbrücke bis zur neuen Börse bewahrt die Richtung des alten Stadtwalles, den drei Tore, am Schlusse der Königs-, Stralauer- und Spandauer Straße durchbrachen und den weiteren Verkehr mit dem innern Lande vermittelten. Das damals eingehegte Stadtareal hat sich bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, also vier Jahrhunderte hindurch wenig oder gar nicht verändert. Die Inselstadt Köln hatte ihre natürlichen Grenzen zwar durch die beiden damals viel breiteren Flussarme gefunden, wurde aber nichts desto weniger auf der Südseite vom Ende der Fischerstraße beginnend bis zur Schleusenbrücke und von dort nach dem Domufer hinablaufend, ebenfalls mit Toren und Mauern gesichert. Eingerammte Pfähle sperrten an den Uferstellen, wo die Mauern begannen, die Strombreite, und verstatteten nur ein schmales leicht zu schließendes Fahrwasser.

Fragen wir nun nach der Baukunst, welche die ersten Bürger in beiden Städten ausübten, so liegt es nahe, dieselbe nicht nur sehr schlicht und einfach, sondern auch aus den Lokalen übertragen zu denken, welchen die eingewanderten Deutschen entstammten. Sachsen war die Heimat der Landesfürsten, in Ballenstädt stand ihr Ahnenhaus, und Magdeburg war als erzbischöfliche Haupt-Stadt der Zentralpunkt aller kirchlichen Wirksamkeit. Folgerichtig musste die in Sachsen geübte, auf die Bearbeitung von Bruch- und Werksteinen hingewiesene Bautechnik auch in die Mark, auch nach Berlin und Köln übertragen werden, so gut wie ein Gleiches mit der Sprache, mit den Sitten, mit dem Kultus, mit dem Rechte geschah. Auf märkischem Boden bot sich zunächst kein anderes Material dar, als der schwer zu bearbeitende, aber unzerstörbare Granit, welcher in riesigen Geschieben über die märkischen Waldebenen zerstreut lag und in verschollenen urgermanischen Zeiten bereits zur Errichtung von Grabstätten gedient hatte. In diesem Materiale wurden die ersten beiden Pfarrkirchen, sowie die Ringmauern Berlins und Kölns erbaut. Dies lehren Nachrichten von der alten seit einhundertdreißig Jahren verschwundenen St. Peterskirche, dies beweisen die noch vorhandenen ältesten Reste der St. Nikolaikirche. Vermutlich waren beide Kirchen dreischiffig mit höherem Mittelschiff, einem breiten oblongen Turm an der Westseite, einem schmalen Chor nebst halbrunder Altarnische im Osten, das Innere mit einfachen Holzdecken bedeckt und durch kleine Fenster in den starken Mauern erleuchtet. Die noch vorhandenen fast gleichzeitig errichteten Dorfkirchen zu Marienfelde, Tempelhof und Herzfelde geben von dieser ersten schlichten Anlage eine deutliche Vorstellung, wenn man sich dieselben größer und dreischiffig gestaltet denkt. Das Gründungsjahr der beiden Pfarrkirchen zu Berlin und Köln ist urkundlich nicht gesichert; da aber 1237 ein Pfarrer Symeon zu Köln genannt wird, welcher 1244 als Propst zu Berlin erscheint, so darf man die Erbauungszeit in die Jahre zwischen 1230 und 1240 setzen. Mit dieser Annahme stimmen die einfachen Strukturformen, welche an der St. Nikolaikirche sichtbar sind, vollkommen überein. Der Spitzbogen und das abgestufte Gewände des Westportals bezeichnen das allmähliche Auftreten des gotischen Stiles, welcher um 1250 in der Mark östlich von der Elbe erscheint. Der granitene Unterbau der breiten, ursprünglich für einen Turm bestimmten Westfront von St. Nikolaus ist der älteste Architekturrest, welchen Berlin bewahrt. In gleichem Material und gleicher Technik wurde auch die bei raschem Anwuchse Berlins bald nötig werdende zweite Pfarrkirche St. Maria, vermutlich zwischen 1260 und 1270 erbaut. Die Tatsache, dass auch dieser zweite größere Bau, der nicht so eilig wie die erste Pfarrkirche geführt werden musste, in demselben schwerfälligen Material des Granits erbaut wurde, ist auffallend und darf nicht übersehen werden. Denn in den Gebieten des Havellandes und der Altmark gab es damals seit mehr als hundert Jahren eine nicht minder solide und für eine Kunst-Entwickelung ungleich fähigere Bauweise, welche sich auf die Anwendung des Backsteinmaterials stützte. Die Einführung dieser neuen Bautechnik und die damit zusammenhängende Anlage von Ziegeleien verdankte die Mark Brandenburg dem segensreichen Walten Albrechts des Bären, welcher zwischen 1150 — 1160 viele niederländische Kolonien in der Altmark und dem Havellande angesiedelt hatte. Auch waren die Vorzüge dieser neuen niederländischen Bautechnik allmählich so einleuchtend geworden, dass alle Klöster und die meisten Städte jener Gebiete vom Jahre 1200 ab ihre Bauwerke ausschließlich in Backsteinen errichteten.

Dass die Städte Berlin und Köln noch vierzig bis fünfzig Jahre später diese solide und praktische Bauweise noch nicht angenommen hatten, beweist überzeugend, dass ihre Ansiedler weder aus der Altmark, noch dem Havellande, sondern als frischer Zuzug aus dem Teltow und der Zauche, vielleicht sogar aus Obersachsen kamen. Ebenso unzweifelhaft beweist der Granitbau von der Nikolaikirche, dass Berlin wie Köln zu jener Zeit noch jeder baukünstlerischen Entwickelung völlig fern standen.