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Bauwerke sind daher treue unverfälschte Zeugnisse für das geistige wie materielle Leben eines Zeitalters.

Erwägt man nun, dass die hohe Blüte des Handels, die religiöse Begeisterung, und der politische Aufschwung eines Landes oder einer Zeitepoche stets von gesteigerter Bautätigkeit begleitet sind, so ergibt sich als Resultat, das eine historische Betrachtung der Bauwerke, — die Baugeschichte, — eine ergänzende Seite der politischen Geschichte ist, und die eine nicht ohne die andere existieren sollte. Denn Bauwerke sind im eigentlichsten Sinne des Worts monumentale Illustrationen der Weltgeschichte.

Freilich muss man diese Illustrationen nicht wie Bilder eines Bilderbuchs flüchtig betrachten oder in beliebter Oberflächlichkeit geistreich schildern, sondern mit Zugrundelegung aller historischen Nachrichten jedes einzelne Bauwerk mühevoll zergliedern, mit verwandten Monumenten vergleichen und weder die technischen noch künstlerischen Eigentümlichkeiten übersehen, um eine gesicherte Vorstellung von der inneren Gliederung wie äußeren Gestaltung desselben in den verschiedenen Zeitepochen zu gewinnen. Erst nach diesem analytischen Prozess ist man berechtigt, über den Wert oder Unwert, Bedeutung wie Stellung jedes Denkmals zu sprechen, — dann erst ist man im Stande, das verborgene geistige Leben, welches die stummen aber inhaltstiefen Formen bewahren, ans Tageslicht zu fördern.

Wenn man diese wissenschaftliche Behandlung auf die Baukunst der Stadt Berlin anwendet, so ergibt ein übersichtlicher Blick, dass Berlin zu den wenigen Hauptstädten Europas gehört, deren Bauwerke eine ruhmreiche Vergangenheit neben einer kräftig aufstrebenden Gegenwart bezeugen. Wie Vieles auch im Laufe von mehr als sechs Jahrhunderten untergegangen ist und aus Fragmenten oder Nachrichten ergänzt werden muss, die Tatsache bleibt, das Berlin nicht der Baulust eines Herrschers oder der konzentrierten Bautätigkeit eines Zeitalters seine Physiognomie verdankt, — sondern dass es in Jahrhunderten erwachsen ist, — langsam, sicher und kräftig, wie der Staat, dessen Hauptstadt zu sein es sich zur Ehre rechnet. Es gibt in Deutschland mehr als eine Hauptstadt, welche faktisch gemacht ist, — Berlin ist geworden!

Berlins Baugeschichte scheidet sich in zwei Epochen, deren jede nahezu den Zeitraum von drei Jahrhunderten umfasst. Die erste beginnt mit der Gründung der deutschen Städte Berlin und Köln auf slawischem Boden im Anfange des 13. Jahrhunderts und schließt mit dem Auftreten der Reformation in der Mitte des 16. Jahrhunderts; die zweite Epoche, in deren erstes Jahrhundert die nachhaltig aufregenden Wirkungen der Reformation, dann die schweren Zeiten des 30jährigen Krieges fallen, beginnt erst mit der staatsbegründenden Tätigkeit des großen Kurfürsten und reicht bis in unsere Tage.

In der ersten Epoche ist Berlin zwar das Haupt der märkischen Städte, aber nicht die Hauptstadt der Mark, in dem zweiten Zeitabschnitte erscheint Berlin wieder nicht als Hauptstadt der Mark, sondern als Hauptstadt des Staates, als Residenz seiner Fürsten.

So sind die alten Bauwerke Berlins ein Ausdruck des abgeschlossenen Lebens der mittelalterlichen Stadt, unter gleichen Verhältnissen entstanden, einfach und übereinstimmend, dagegen die jüngeren Monumente ein Spiegelbild der Herrscher, reich, vielseitig, individuell, wie diese.